All­ge­mei­nes
Der Work­shop zu Tom McCar­thys Roman Satin Island (2015) hat am 9. Febru­ar 2018 an der Fried­rich Schle­gel-Gra­du­ier­ten­schu­le für lite­ra­tur­wis­sen­schaft­li­che Stu­di­en an der Frei­en Uni­ver­si­tät Ber­lin statt­ge­fun­den.

Kon­zep­ti­on: Eva Murašov (FU Ber­lin), Jan Lietz (FU Ber­lin)

Ankün­di­gung
Als Anthro­po­lo­ge in einer Unter­neh­mens­be­ra­tung und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­agen­tur ist ‚U.‘ mit der Auf­ga­be betraut, einen ‚Gre­at Report‘ über die Gegen­wart zu ver­fas­sen. In Aus­ein­an­der­set­zung u.a. mit Clau­de Lévi-Strauss und Paul Rabi­now stellt er sich dabei Fra­gen nach den Bedin­gun­gen eines pro­duk­ti­ven Umgangs mit der Kon­tin­genz sowohl der beob­ach­te­ten Welt als auch der eige­nen Beob­ach­ter­po­si­ti­on in die­ser Welt. Jede Erar­bei­tung eines nar­ra­ti­ven ‚Sinns‘ (sei­nes Berichts, aber auch des Romans) scheint von hier aus gera­de­zu unmög­lich, wird die­ser schließ­lich immer wie­der aufs Neue unter­bro­chen oder auf­ge­scho­ben. In einer Ver­bin­dung aus einer (post-)strukturalistisch infor­mier­ten, nar­ra­to­lo­gi­schen Meta­re­fle­xi­on und nar­ra­ti­ven Ver­fah­ren der Akku­mu­la­ti­on, Wie­der­ho­lung, Seria­li­sie­rung und Gene­ra­li­sie­rung, reflek­tiert Tom McCar­thys jüngs­ter Roman Satin Island (2015) die Fra­ge nach der Form und den Mög­lich­kei­ten des Romans.


Bericht
von Jan Lietz

Am 09. Febru­ar 2018 fand unser Work­shop zu Tom McCar­thys Roman Satin Island (2015) an der Fried­rich Schle­gel Gra­du­ier­ten­schu­le für lite­ra­tur­wis­sen­schaft­li­che Stu­di­en an der Frei­en Uni­ver­si­tät Ber­lin statt. Der Work­shop ist Teil der Rei­he Unform, die sich mit der Form des moder­nen Romans aus­ein­an­der­setzt.

Den Aus­gangs­punkt unse­rer Rei­he bil­det die Beob­ach­tung, dass dem Roman in der Geschich­te der Gat­tungs­theo­rie wie­der­holt eine Son­der­stel­lung zuge­wie­sen wur­de. Ins­be­son­de­re im deut­schen Sprach­raum erscheint der moder­ne Roman seit dem 18. Jahr­hun­dert als ein Aus­nah­me­fall lite­ra­ri­scher Form­bil­dung, da er kei­nen der rhe­to­ri­schen und regel­poe­ti­schen Sche­ma­ta aus der Anti­ke, dem Mit­tel­al­ter oder der Frü­hen Neu­zeit folgt. In der spe­zi­fi­schen Tra­di­ti­on des deut­schen ‚Bil­dungs­ro­mans‘ ist die­se Form­bil­dung – so etwa in Fried­rich von Blancken­burgs Ver­such über den Roman (1774) – vom ‚inne­ren Leben‘ des Prot­ago­nis­ten her gedacht: Die Indi­vi­dua­ti­on des Hel­den und die jewei­li­ge for­ma­le Aus­ge­stal­tung des Romans kön­nen als ana­lo­ge Instan­zen eines nun­mehr als mor­pho­lo­gisch oder als „endo­gen“[1] auf­zu­fas­sen­den Form­be­griffs ver­stan­den wer­den. Zuneh­mend ent­steht auch ein poe­to­lo­gi­sches Bewusst­sein dafür, dass die Fül­le an Vari­an­ten des Romans eben­je­ner Fül­le des „Lebens“ selbst ent­spricht.[2] Obwohl der moder­ne Roman sich damit durch einen genui­nen Formreich­tum aus­zeich­net, wur­de er auf­grund die­ser Unbe­stimmt­heit und Offen­heit wie­der­holt nega­tiv als ‚Unform‘ (Cle­mens Lugow­ski), ‚dis­so­nant‘ (Georg Lukács) oder ‚amorph‘ (Hans Blu­men­berg) beschrie­ben. Aus die­ser Span­nung her­aus ver­ste­hen wir den Begriff der ‚Unform‘ nicht als Nega­ti­on der Mög­lich­keit von ‚Form‘, son­dern als Bestim­mung eines pro­duk­ti­ven Form­sinns jen­seits der klas­si­schen Gat­tungs- und Regel­poe­tik: als Unform. Ver­folgt wer­den kann die­se auf ver­schie­de­nen Ebe­nen: sei es in Aus­ein­an­der­set­zung mit dem jewei­li­gen Gegen­stand des Romans, sei­nem Ver­hält­nis zu ‚klei­nen For­men‘ wie der Novel­le, Gedich­ten oder Lie­dern oder sei­nem pro­duk­ti­ven Bezug auf Form­be­grif­fe aus ande­ren epis­te­mi­schen Fel­dern wie den Natur­wis­sen­schaf­ten, der Öko­no­mie oder der Infor­ma­tik.

Tom McCar­thys Roman SI nimmt auf die­se gat­tungs­theo­re­ti­sche Fra­ge auf viel­fäl­ti­ge Wei­se Bezug. Bereits auf sei­nem Cover fin­den sich die Gat­tungs­be­zeich­nun­gen „A trea­tise, An essay, A report, A con­fes­si­on, A Mani­festo“ alle­samt durch­ge­stri­chen, allein die Bezeich­nung „A novel“ bleibt ste­hen. Ange­zeigt scheint damit kein Aus­schluss­ver­fah­ren, son­dern viel­mehr die spe­zi­fi­sche Form, in der SI zugleich trea­tise, essay, report, con­fes­si­on und mani­festo ist – als Roman. Die­se para­tex­tu­el­le Mehr­fach­co­die­rung und Hyper­se­man­ti­sie­rung spie­gelt sich im Auf­trag des Prot­ago­nis­ten U., als Anthro­po­lo­ge in einer Bera­tungs­fir­ma einen ‚Gre­at Report‘ über die Gegen­wart zu ver­fas­sen, der nicht weni­ger als die Bedeu­tung der Welt aus­han­delt. „It was all a ques­ti­on of form. What flu­id, mor­phing hybrid could I come up with to be equal to that task?“[3], fragt U. und ruft damit eine Bemer­kung des bri­ti­schen Phi­lo­so­phen Simon Critch­ley aus einem Gespräch mit McCar­thy wie­der auf: „For the Ger­man Roman­ti­cs such as Schle­gel, the aes­thetic form capa­ble of bea­ring that ques­ti­on of mea­ning is the novel, and the task beco­mes wri­ting the gre­at novel of the modern world.“[4]

SI eig­net sich nicht bloß die Fra­ge der Unform an, son­dern aktua­li­siert den tra­dier­ten Anspruch des moder­nen Romans unter den Bedin­gun­gen einer umfas­sen­den Öko­no­mi­sie­rung sei­ner Pro­duk­ti­ons- und Rezep­ti­ons­mög­lich­kei­ten. Vor die­sem Hin­ter­grund erschien es uns als viel­ver­spre­chend, den Roman im Rah­men unse­rer Rei­he hin­sicht­lich der Aspek­te (I.) sei­ner Form, (II.) sei­ner nar­ra­ti­ven Ver­fah­ren und (III.) sei­ner poli­ti­schen Dimen­sio­nen zu dis­ku­tie­ren.

1. Form
In Anschluss an Hans Blu­men­bergs Auf­satz Wirk­lich­keits­be­griff und Mög­lich­keit des Romans haben wir uns SI zunächst unter der Hypo­the­se eines Wider­streits zwei­er Wirk­lich­keits­be­grif­fe ange­nä­hert, die sich aus Per­spek­ti­ve des Ich-Erzäh­lers U. for­mie­ren. Blu­men­berg erkennt im moder­nen Roman den Anspruch, „nicht mehr nur Gegen­stän­de der Welt, nicht ein­mal nur die Welt nach­bil­dend dar­zu­stel­len, son­dern eine Welt zu rea­li­sie­ren.“[5] Die­ser Anspruch ist in sei­ner Gene­se his­to­risch gefasst und dabei an die Durch­set­zung eines Begriffs von Wirk­lich­keit gebun­den, der nicht mehr tran­szen­dent oder meta­phy­sisch gedacht wird, son­dern als „Resul­tat einer Rea­li­sie­rung“ von Kon­text: „Wirk­lich­keit als sich kon­sti­tu­ie­ren­der Kon­text ist ein der immer idea­len Gesamt­heit der Sub­jek­te zuge­ord­ne­ter Grenz­be­griff, ein Bestä­ti­gungs­wert der in der Inter­sub­jek­ti­vi­tät sich voll­zie­hen­den Erfah­rung und Welt­bil­dung.“[6] Es kann als Zuspit­zung auf eine spe­zi­fisch moder­ne Erfah­rung ver­stan­den wer­den, wenn Blu­men­berg zudem noch auf einen Wirk­lich­keits­be­griff hin­weist, in dem die­se Rea­li­sie­rung von Kon­text pro­ble­ma­tisch wird: Rea­li­tät wird hier „als das dem Sub­jekt nicht Gefü­gi­ge, ihm Wider­stand Leis­ten­de“ ver­stan­den, als Wider­stand gegen eine tech­ni­sche und kogni­ti­ve Unter­wer­fung der mate­ri­el­len Welt durch den Men­schen.[7]

In SI scheint sich auf Erzäh­ler­ebe­ne ein Wider­streit zwi­schen einem Anspruch auf Wirk­lich­keit als inter­sub­jek­ti­vem Kon­text und der Wirk­lich­keit als Wider­stand aus­zu­tra­gen. Pro­ble­me des Kon­texts und der (Re)-Kontextualisierung wer­den zen­tral anhand der Figur des Anthro­po­lo­gen ver­han­delt, des­sen Beruf in der Ana­ly­se von Kon­tex­ten besteht, die zum einen den Rah­men für sozia­les Han­deln, zum ande­ren aber auch die „frames of com­pre­hen­si­on“ der eige­nen For­schung bil­den. Für U., der im Gegen­satz zu frü­he­ren Anthro­po­lo­gen nicht mehr an der Uni­ver­si­tät, son­dern für eine Bera­tungs­fir­ma arbei­tet, hat sich die­se Per­spek­ti­ve umge­dreht: „I some­ti­mes allo­wed mys­elf to think that […] my job was to put mea­ning in the world, not take it from it.“[8] Kon­text ist hier nicht mehr blo­ßer Gegen­stand der Ana­ly­se, son­dern ein Pro­dukt, das in Form von Nar­ra­ti­ven an Kun­den ver­kauft wird, sei­en es Müs­li­her­stel­ler, Stadt­ver­wal­tun­gen oder die EU.

Dabei scheint SI auf eine Bedeu­tung des con­tex­te­re – des Zusam­men­we­bens – als Rea­li­sie­rung von Form und Pra­xis der nar­ra­ti­ven Erzeu­gung von Bedeu­tung hin­zu­wei­sen. Expli­zit wird die­ser Zusam­men­hang anhand der Form des ‚Gre­at Report‘, die im Ver­lauf des Romans in einer Art Run­ning-Gag immer wie­der the­ma­ti­siert wird. Dabei kommt U. wie­der­holt auf das Framing und den Kon­text sei­nes Berichts zu spre­chen, der sich ein­fach nicht fin­det lässt: „I’d begun to suspect—in fact, I’d beco­me convinced—that this Gre­at Report was un-plot­t­a­ble, un-frame­ab­le, un-rea­li­ze­ab­le: in short, and in wha­te­ver cross-bred form, wha­te­ver medi­um or media, un-wri­ta­ble.“[9] Die­ses Sich-Ent­zie­hen des Kon­texts wird auch anhand eines omi­nö­sen Hin­ter­grund­pro­jekts mit dem Namen ‚Koob-Sas­sen‘ deut­lich, über das U. zwar aus­drück­lich nicht spre­chen möch­te, das den­noch als Pro­jekt einer umfas­sen­den und unüber­schau­ba­ren Re-Kon­tex­tua­li­sie­rung des Gesell­schafts­sys­tems erkenn­bar wird: „omnipresent—and elu­si­ve“[10].

Mit Bezug auf G. W. Leib­niz als Figur des letz­ten Uni­ver­sal­ge­lehr­ten, weist U.s Auf­trag­ge­ber Pey­man auf die post­mo­der­ne Des­in­te­gra­ti­on bzw. Nicht-Inte­grier­bar­keit der his­to­risch aus­dif­fe­ren­zier­ten Dis­zi­pli­nen und Per­spek­ti­ven hin: „Our own era, perhaps more than any other, seems to call out for a sin­gle intel­lect, a uni­ver­sal joint to bring them all toge­ther once again – seems to demand, in other wor­ds, a Leib­niz. Yet the­re will be no Leib­niz 2.0.“[11] Wird über Leib­niz in Hin­blick auf den ‚Gre­at Report‘ auch das Phan­tas­ma einer tota­len Dar­stel­lung aller Ereig­nis­se und Vor­komm­nis­se auf­ge­ru­fen, ver­deut­licht sich noch ein­mal die Wider­stän­dig­keit der Wirk­lich­keit gegen­über einer gro­ßen Inte­gra­ti­ons­leis­tung: „What the­re will be, is an end­less set of migra­ti­ons: know­ledge-par­cels tra­vel­ling from one field to ano­t­her, and muta­ting in the pro­cess.“[13]

Neben die­ser epis­te­mi­schen fragt SI zugleich nach der Mög­lich­keit einer onto­lo­gi­schen Wider­stän­dig­keit der Wirk­lich­keit, die in ihrem mate­ri­el­len Cha­rak­ter ver­or­tet wäre. Im Joint State­ment on Inau­then­ti­ci­ty der Inter­na­tio­nal Necro­nauti­cal Socie­ty (INS) beru­fen sich McCar­thy und Critch­ley auf eine in Anti­ke und Chris­ten­tum tra­dier­te Gegen­stel­lung von Form und Mate­rie, deren auch für die Ästhe­tik in Anspruch genom­me­ne Wer­tung sie pro­gram­ma­tisch inver­tie­ren wol­len: „In short, against […] idea­list or trans­cen­dent con­cep­ti­ons of art, of art as pure and per­fect form, we set a doc­tri­ne of poe­tic of necro­nauti­cal mate­ria­lism akin to Geor­ge Bataille’s noti­on of l’informe or the ›form­less‹: a uni­ver­se that ›resem­bles not­hing‹ and ›gets its­elf squas­hed ever­y­whe­re, like a spi­der or ear­thworm.‹“[14] Dem Tota­li­täts­an­spruch der ‚per­fek­ten‘ Form soll die Wider­stän­dig­keit der imper­fek­ten, form­lo­sen Mate­rie ent­ge­gen­ge­setzt wer­den: Eine Stra­te­gie, die in McCar­thys Debüt­ro­man Rema­in­der (2005) anhand unzäh­li­ger Kaf­fee­fle­cken, unkon­trol­lier­ba­rer Kör­per und wider­spens­ti­ger Fal­ten in Boden­tep­pi­chen beob­ach­tet wer­den kann. In SI scheint die­se Fra­ge wei­ter­hin zen­tral, sei es im Motiv der Oils­pills oder der Müll­ber­ge auf Sta­ten Island. Gegen­über Rema­in­der tritt das Mate­ri­el­le in SI jedoch in einer rein media­ti­sier­ten Form als Beob­ach­tungs­ge­gen­stand auf und ist dabei immer schon in Pro­zes­se der Anti­zi­pa­ti­on und Latenz von Bedeu­tung ein­ge­bet­tet. Auch wenn das Mate­ri­el­le hier also nie­mals jen­seits von Kon­tex­tua­li­sie­rung steht, mar­kiert es zumin­dest ein Moment der Ver­zö­ge­rung und des Buf­fe­rings in der Rea­li­sie­rung von Kon­text: es kann damit glei­cher­ma­ßen als Gene­ra­tor immer neu­er, seman­ti­scher Ange­bo­te und Über­schüs­se, aber auch als Wider­stand gegen­über einer gelin­gen­den, seman­ti­schen Inte­gra­ti­on ver­stan­den wer­den.

2. Ver­fah­ren
Die­se Wider­stän­dig­keit in Pro­zes­sen der Kon­tex­tua­li­sie­rung kon­kre­ti­siert sich in SIs nar­ra­ti­ven Ver­fah­ren im Umgang mit sei­nen Moti­ven. Para­dig­ma­tisch wer­den die­se schon zu Beginn des Romans anhand der syn­the­ti­schen Erin­ne­rung des Prot­ago­nis­ten an Fahr­rad­fahr­ten in sei­ner Kind­heit benannt: „It wasn’t a spe­ci­fic memo­ry of riding down the hill on such-and-such a day: more a gene­ric one in which hund­reds of hill-descents, accu­mu­la­ted over two or three years, had all mer­ged toge­ther.“[15] Das Ver­hält­nis des Sin­gu­lä­ren und Gene­ri­schen und die dar­in ange­leg­te Fra­ge nach der Mög­lich­keit ästhe­ti­scher Ver­all­ge­mei­ne­rung bil­det die nar­ra­ti­ve Matrix von SI. An ihm kris­tal­li­siert sich eine Diver­genz zwi­schen dem Anspruch, der an das Erzäh­len gestellt wird und den – hier in der öko­no­mi­schen Ter­mi­no­lo­gie der ‚accu­mu­la­ti­on‘ und des ‚mer­ging‘ gefass­ten – nar­ra­ti­ven Mit­teln, mit denen U. sich sei­ner Auf­ga­be in unzäh­li­gen Dos­siers über Fall­schirm­sprin­ger oder Oils­pills stellt.

Die im Roman ad absur­dum geführ­te Erwar­tung an den ‚Gre­at Report‘ besteht schein­bar dar­in, jen­seits der Dif­fe­renz von All­ge­mei­nem und Beson­de­rem zu lie­gen. Der Anspruch an das Erzäh­len wäre es, die­se Inte­gra­ti­ons- und Auf­he­bungs­leis­tung zu voll­brin­gen. Weil aber auch das Erzäh­len in SI allein als kom­mo­di­fi­zier­ter Teil eben des­je­ni­gen epis­te­mi­schen Fel­des ver­han­delt wird, das es ver­ar­bei­ten soll, ist es die­sem Anspruch nicht gewach­sen. Anstel­le von nar­ra­ti­ver Inte­gra­ti­on ste­hen: „Migra­ti­on, muta­ti­on, and what I (Pey­man affir­med) call ›super­ces­si­on‹: the abi­li­ty of each and every prac­tice to sur­pass its­elf, break down its bounda­ries, even to the point of sacri­fi­cing its own terms and tenets in the breaching…“[16] Erreicht wer­den kön­nen der­art aller­höchs­tens gene­ri­sche Mit­tel­ebe­nen, aber kei­ne Tota­li­tät.

Die star­ke, meta­poe­ti­sche Meta­pho­rik und Alle­go­rik der Moti­ve ver­deut­licht, dass auch das Erzäh­len und gleich­zei­tig die Erzähl­pro­ble­ma­tik als Motiv der Anti­zi­pa­ti­on und Latenz von Bedeu­tung in den Roman ein­ge­führt, in das Sys­tem der ‚super­ses­si­ons‘ ein­ge­speist wird. Inso­fern das von U. betrie­be­ne, über­mä­ßi­ge Pat­te­ring sei­ner eige­nen Inten­ti­on ent­ge­gen­läuft, arbei­ten die­se an einer per­ma­nen­ten Des­in­te­gra­ti­on oder De-Rea­li­sie­rung der über­schüs­si­gen, moti­vi­schen Sinn­an­ge­bo­te. Im schei­tern­den Umgang des Erzäh­lers mit dem Umgang von Kon­tin­genz stellt der Roman die­se umso stär­ker aus.

Deut­lich wird dies auch anhand von U.s Suche nach einer vor­gän­gi­gen Form­hy­po­the­se für den ‚Gre­at Report‘, die sich gegen­über ihrem Gegen­stand immer wie­der als inad­äquat oder unge­nü­gend erweist. In sei­nem Umgang mit den sich wie­der­ho­len­den, vom ihm seria­li­sier­ten und sich dann wie­der ver­schie­ben­den Moti­ven las­sen sich dabei eine Viel­zahl von Ana­lo­gi­en (z.B. Absturz, Ver­fall, Tod) fest­stel­len. Zugleich ist SI nicht nur von moti­vi­schen Ana­lo­gi­en, son­dern auch von der erzäh­le­ri­schen Ana­lo­gi­sie­rung von Hand­lungs­sche­ma­ta geprägt. Wie im Ver­gleich der Geschich­ten von Petr und Dani­el – die, genau wie U., vor der Auf­ga­be ste­hen, mit begrenz­ten Mit­teln gren­zen­lo­se und hoch­vo­la­ti­le Infor­ma­tio­nen zu struk­tu­rie­ren – deut­lich wird, ste­hen die­se zwar in einem Ver­hält­nis der Reso­nanz, ver­hal­ten sich zuein­an­der aber nicht posi­tiv kom­ple­men­tär, son­dern eher als ‚Gegen-Rea­li­sie­run­gen‘.

SI lebt von einem seman­ti­schen Über­an­ge­bot, das star­ke Reso­nanz­ef­fek­te erzeugt. Vor die­sem Hin­ter­grund – und auch auf­grund der expli­zi­ten Erwäh­nung von Gil­les Deleu­zes Buch Le pli. Leib­niz et le baro­que – wur­de der Vor­schlag for­mu­liert, SI als einen ‚Barock- oder Deka­denz­ro­man‘ zu lesen, der eine Viel­zahl von Par­al­lel- und Gegen­lek­tü­ren pro­vo­ziert, die Mög­lich­keit einer Mas­ter­epi­so­de, von der aus der Roman abschlie­ßend zu lesen wäre, jedoch zurück­weist. An deren Stel­le ste­hen nar­ra­ti­ve Wie­der­ho­lun­gen, Bre­chun­gen, Ver­stär­kun­gen und Muta­tio­nen, samt einer nicht zu unter­schät­zen­den Men­ge nar­ra­ti­ver ‚MacGuf­fins‘ – also hand­lungs­trei­ben­der Objek­te oder Chif­fren, deren Bedeu­tung letzt­end­lich in ihrer über­de­ter­mi­nier­ten Unbe­deut­sam­keit liegt. Dazu gehört allen vor­an der Titel des Romans, der als Fina­le einer Traum­se­quenz ein­ge­führt wird und sich am Ende in der Lauf­schrift eines digi­ta­len Dis­plays ana­gram­ma­tisch zuerst andeu­tet und dann wie­der auf­löst: „STATEN ISLAND FERRY. […] SATE I LAND […] STATE IS ERR. […] SAT AND FRY, SANS LAND, TEN SANDER, TEN IS LAND, FER. AIL. END. SAIL […] S AT I N […] STA I N […] ST[17].

3. Poli­tik
Zuletzt haben wir das Ver­hält­nis von Ästhe­tik und Poli­tik in SI dis­ku­tiert. SI bie­tet ver­schie­de­ne Anknüp­fungs­punk­te für poli­ti­sche The­men wie Umwelt­ver­schmut­zung, Poli­zei­ge­walt oder die öko­no­mi­schen Bedin­gun­gen eines pro­jekt­ba­sier­ten Lebens im Neo­li­be­ra­lis­mus. Mit klas­si­schen Model­len poli­ti­scher Lite­ra­tur lässt der Roman sich jedoch kaum zusam­men­den­ken. Viel­mehr ist eine Rück­wei­sung des ‚Enga­ge­ments‘ wie­der­holt the­ma­tisch. Als U. etwa die Gefahr erkennt, die vom Koob-Sas­sen-Pro­jekt aus­geht, und sich in Vor­stel­lun­gen über eine Armee von Anthro­po­lo­gen ergeht, die in einen van­da­lis­ti­schen Wider­stand ein­tre­ten und die Rea­li­sie­rung die­ses Rekon­tex­tua­li­sie­rungs-Pro­jekts ver­hin­dern, setzt Madi­son die­se als infan­ti­le Hel­den­phan­ta­si­en her­ab.[18] Poli­ti­scher Akti­vis­mus ist für die ehe­mals enga­gier­te Madi­son, deren Erzäh­lung vom G8-Gip­fel 2001 in Genua den ein­zi­gen regel­recht sin­gu­lä­ren Erzähl­strang des Romans bil­det, eine Sache der Ver­gan­gen­heit. An ande­rer Stel­le ima­gi­niert U., er sei dem Vor­wurf einer ‚Ästhe­ti­sie­rung‘ der von ihm mit Fas­zi­na­ti­on beob­ach­te­ten Ölka­ta­stro­phen aus­ge­setzt und ver­sucht sich damit zu weh­ren, dass deren ver­meint­lich poli­tisch-mora­li­sche Klas­si­fi­zie­rung als „tra­ge­dy“ selbst auf einem zugleich ästhe­ti­schen Begriff ­– näm­lich dem­je­ni­gen der lite­ra­ri­schen Form der Tra­gö­die – basie­re, der sich zudem mit der ver­klä­ren­den Vor­stel­lung einer unbe­rühr­ten Natur ver­men­ge.[19] Ein inhalt­lich oder the­ma­tisch moti­vier­tes Enga­ge­ment kann von hier aus aller­höchs­tens als Roman­tik erschei­nen.

Die offen­kun­di­ge – inhalt­li­che wie for­ma­le – Iro­nie legt die Fra­ge nahe, inwie­fern der Roman als (‚kri­ti­sche‘) Par­odie zu lesen ist. Inso­fern die­se Fra­ge dar­auf hin­aus­läuft, SI als blo­ße Par­odie zum einen auf die Aneig­nung (post-)strukturalistischer Theo­rie durch Unter­neh­mens­be­ra­tun­gen, zum ande­ren aber auch auf die kri­ti­sche und aka­de­mi­sche Rezep­ti­on des Romans zu lesen, die sich auf das hier ange­bo­te­ne, her­me­neu­ti­sche Spiel ein­lässt, ohne ihre eige­ne Ver­stri­ckung in Pro­zes­se der ‚com­mo­di­fi­ca­ti­on of nar­ra­ti­ve‘ zu reflek­tie­ren, scheint sie jedoch falsch gestellt. Offen­sicht­lich bil­det die­se Ein­sicht nicht die Poin­te, son­dern eine der zen­tra­len Prä­mis­sen, aus denen das Erzähl- und Roman­pro­jekt SI ent­steht. Als Hin­weis kann hier eine Bemer­kung Madi­sons die­nen, die den Umstand, dass sie sich nach ihrer Ent­las­sung aus der Poli­zei­ge­walt mit ihrer Kre­dit­kar­te einen Heim­flug bucht, als „iro­nic“ kom­men­tiert: „…it was my credit card that saved me after I’d been pro­tes­ting against capi­ta­lism.“[20] Die Iro­nie erscheint in SI nicht als Ver­fah­ren der Par­odie, son­dern als genau das­je­ni­ge nar­ra­ti­ve Mit­tel, das die unaus­weich­li­che Ver­stri­ckung jeg­li­cher Form von Kri­tik und Pro­test in den kapi­ta­lis­ti­schen Pro­zess aus­stellt. Dass den tra­dier­ten For­men der ‚Kapi­ta­lis­mus–‘ und ‚Künst­ler­kri­tik‘ längst der „Sta­chel“[21] genom­men wur­de, weiß SI von vorn her­ein.

Viel­ver­spre­chen­der erscheint es, die Fra­ge nach der Funk­ti­on von Iro­nie in SI auf for­ma­ler Ebe­ne zu stel­len. Die Iro­nie des Romans ist kei­ne sub­jek­tiv iro­ni­sche Hal­tung der Figu­ren, son­dern eine for­ma­le Dis­po­si­ti­on des Tex­tes, der von der schei­tern­den Ent­ste­hung sei­nes eige­nen Meta­tex­tes han­delt. Sie erstreckt sich aber zugleich auf eine funk­tio­na­le ‚Unei­gent­lich­keit‘ des erzäh­len­den Prot­ago­nis­ten, der stets als zwei­er­lei zugleich erscheint: Gegen­stand des Romans und (schei­tern­der) Autor sei­nes vir­tu­el­len Meta­tex­tes.

Die Aner­ken­nung die­ser Dis­po­si­ti­on mar­kiert in SI den Punkt, an dem die Fra­ge des Poli­ti­schen ver­or­ten wer­den kann. Sie scheint wie­der ein­mal im Kon­text des ‚Gre­at Report‘ auf, wenn  U. nicht nur fest­stellt, dass die­ser sich als nicht rea­li­sier­bar erweist, son­dern: dass er wohl schon längst geschrie­ben – bes­ser: mitgeschrie­ben – wur­de: „Not by a per­son, nor even by some nefa­rious cabal, but sim­ply by a neu­tral and indif­fe­rent bina­ry sys­tem […]: some auto-alphaing and auto-ome­ga­ting script…”[22] In den auto­ma­ti­sier­ten und algo­rith­misch aus­ge­wer­te­ten Pro­to­kol­len aller mensch­li­chen Akti­vi­tä­ten in der digi­ta­len Welt ent­steht eine Form von ‚Gre­at Report‘, die weder von Men­schen­hand ver­fasst, noch von Men­schen­au­ge les­bar ist: „Only ano­t­her pie­ce of soft­ware could do that.“[23] Die­sem ‚Inhu­ma­nis­mus‘ der Daten steht zugleich die Zen­trie­rung des Romans auf ein erzäh­len­des Sub­jekt gegen­über. „Would it tell a sto­ry? If so, how, and about what, or whom? If not, how would it all con­ge­al, around what cohe­re?”[24] Die­se Fra­gen, die hin­sicht­lich der Form des ‚Gre­at Report‘ not­wen­dig offen blei­ben, sind für den Roman SI immer schon beant­wor­tet: Der Prot­ago­nist erfüllt die Funk­ti­on eines Kno­ten­punkts aller im Roman ‚auf­ge­ho­be­nen‘ Form­dis­po­si­ti­ve (a trea­tise, an essay, a con­fes­si­on, etc.), inso­fern die­se Beob­ach­tungs- und Urteils­dis­po­si­ti­ve eines mehr oder weni­ger han­deln­den Sub­jekts wer­den. Aller­dings soll­te die hier zitier­te Kate­go­rie der Kohä­renz in Bezug auf die nar­ra­ti­ve Form­ge­bung von SI nicht vor­schnell als erzäh­le­ri­sches Ideo­lo­gem bür­ger­li­chen Bewusst­seins abge­wie­sen wer­den. Schon die Prä­po­si­ti­on „around“ ver­weist auf einen Kohä­renz­be­griff, der gera­de nicht auf eine sub­sum­ti­ve ‚Abrun­dung‘ des nar­ra­ti­ven Sub­jekts U. zu einem psy­cho­lo­gi­schen Sub­jekt hin­aus­läuft. Wie der ‚hub‘ in einem Netz­werk, bleibt U. über wei­te Stre­cken eine funk­tio­na­le Schnitt­stel­le, die zwar poten­ti­el­ler Wei­se zwi­schen sämt­li­chem Gesche­hen Zusam­men­hän­ge her­stel­len kann, die aber prak­tisch ledig­lich als eine Art Kata­ly­sa­tor für seman­ti­sche Reso­nan­zen, aber auch für Kon­tin­genz­ef­fek­te und die zuneh­men­de Ero­si­on von Bedeu­tung fun­giert. In der Dyna­mik zwi­schen ner­vö­sem Tas­ten und eupho­ri­schem Kom­bi­nie­ren steht sich ein prü­fend reflek­tie­ren­des Sub­jekt wie eine unzeit­ge­mä­ße Figur selbst gegen­über.

Gera­de das Ende des Romans scheint von einer Erfah­rung der Kon­tin­genz geprägt. U. ent­schei­det sich dage­gen, die Fäh­re nach von Man­hat­ten nach Sta­ten Island zu neh­men: „To go to Sta­ten Island—actual­ly go there—would have been pro­found­ly mea­ningless. […] Not to go the­re was, of cour­se, pro­found­ly mea­ningless as well.“[25] Gedop­pelt wird die­se Ein­sicht in der Figur des Bett­lers, der die ver­mut­lich längst defek­ten, öffent­li­chen Tele­fo­ne nach Münz­geld absucht und nun einen der Hörer in der Hand hält: „He was still hol­ding a recei­ver away from his ear, making no attempt to lis­ten or talk into it.“[26] Die­ser offe­ne Zustand zwi­schen Des­ori­en­tie­rung und Frei­heit führt in SI nicht in die Resi­gna­ti­on. Er ist der Aus­gangs­punkt für U.s Weg zurück in die Stadt — und womög­lich Ursprung einer unend­li­chen Anzahl neu­er Erzäh­lun­gen: Hel­lo? Hel­lo? Ready to recei­ve.

 

Quel­len: [1] Well­be­ry, David: Form und Idee. Skiz­ze eines Begriffs­fel­des um 1800, in: Maatsch, Jonas [Hrsg.]: Mor­pho­lo­gie und Moder­ne. Goe­thes „anschau­li­ches Den­ken“ in den Geis­tes- und Kul­tur­wis­sen­schaf­ten seit 1800, Ber­lin 2014, S. 17–42. | [2] Cam­pe, Rüdi­ger: Form und Leben in der Theo­rie des Romans, in: Avan­essi­an, Armen et al. [Hrsg.]: Vita aes­theti­ca. Sze­na­ri­en ästhe­ti­scher Leben­dig­keit, Zürich 2009, S. 193–211. | [3] McCar­thy, Tom: Satin Island, New York 2015, S. 78. | [4] McCar­thy, Tom: Inter­view: Simon Crit­chey, March 29, 2001, in: McCar­thy, Tom / Critch­ley, Simon et. al. [Hrsg.]: The Mat­te­ring of Mat­ter. Docu­ments from the Archi­ve of the Inter­na­tio­nal Necro­nauti­cal Socie­ty, Ber­lin 2012, S. 56–83, hier S. 60. | [5] Blu­men­berg, Hans: Wirk­lich­keits­be­griff und Mög­lich­keit des Romans, in: ders.: Ästhe­ti­sche und meta­pho­rolo­gi­sche Schrif­ten, Frank­furt am Main 2001, S. 47–73, hier S. 61. Her­vor­he­bun­gen im Ori­gi­nal. | [6] Ebd., S. 52. Her­vor­he­bung im Ori­gi­al. | [7] Ebd., S. 53f. | [8] McCar­thy: Satin Island, S. 34. | [9] Ebd., S. 126. Vgl. u.a. auch S. 69, S. 95f. | [10] Ebd., S. 68. | [11] Ebd., S. 49. | [12] Leib­niz ima­gi­niert die­se im so genann­ten ‚Apo­ka­ta­sta­sis-Frag­ment‘. Vgl. Blu­men­berg, Hans: Die Les­bar­keit der Welt, Frank­furt am Main 1981, S. 121–150. | [13] McCar­thy: Satin Island, S. 50. | [14] Critch­ley, Simon / McCar­thy, Tom: Joint State­ment on Inau­then­ti­ci­ty, in: McCar­thy, Tom / Critch­ley, Simon et. al. [Hrsg.]: The Mat­te­ring of Mat­ter. Docu­ments from the Archi­ve of the Inter­na­tio­nal Necro­nauti­cal Socie­ty, Ber­lin 2012, S. 220–234, hier S. 226. | [15] McCar­thy: Satin Island, S. 5. | [16] Ebd., S. 50. | [17] Ebd., S. 179f. | [18] Vgl. ebd., S. 139f. | [19] Vgl. Ebd., S. 110–119. | [20] Ebd., S. 173. | [21] Vgl. Bol­tank­si, Luc / Chia­pel­lo, Ève: Die Arbeit der Kri­tik und der nor­ma­ti­ve Wan­del, in: Men­ke, Chris­toph und Julia­ne Reben­tisch [Hrsg.]: Krea­ti­on und Depres­si­on. Frei­heit im gegen­wär­ti­gen Kapi­ta­lis­mus, Ber­lin 2010, S. 18–37, hier S. 30. | [22] Vgl. McCar­thy: Satin Island, S. 133f. | [23] Vgl. ebd., S. 134. | [24] Ebd., S. 78. | [25] Ebd., S. 185f. | [26] Ebd., S. 189.

Biblio­gra­phie