Auch wenn ich eure Bemü­hun­gen hier sehr schät­ze und es doch wirk­lich immer wie­der fas­zi­nie­rend ist, wie sehr die ein­fachs­ten (wenn auch nie­mals vor­aus­set­zungs­lo­sen) Grund­un­ter­schei­dun­gen die gesam­te Per­spek­ti­ve auf einen Gegen­stand, die Gesell­schaft, die Welt usw. bestim­men kann, muss ich für mich sagen, dass ich mit der­ar­ti­gen Groß­theo­ri­en ein wenig abge­schlos­sen habe. I’m over it. (Nun gut, viel­leicht nicht ganz „over“, zumin­dest aber ver­spü­re ich über­haupt gar kein Bedürf­nis, mein Den­ken in irgend­ein phi­lo­so­phi­sches oder sozio­lo­gi­sches Sys­tem zu drän­gen. Hier und dort kann man von ein­zel­nen Den­kern doch wesent­lich mehr ler­nen, wenn man sich dadurch nicht gleich ihrem gesam­ten Begriffs­ras­ter und des­sen inne­rer Ver­wei­sungs- und Begrün­dungs­lo­gik unter­wirft, son­dern sich im ent­schei­den­den Moment auch wie­der von ihnen löst und den Ver­such unter­nimmt, einen eige­nen Gedan­ken zu for­mu­lie­ren.)
Ich bin mir gera­de nicht ganz sicher, ob Ver­non Sub­utex am Ende so viel her­ge­ben wird, Alex. Lass uns das zu einem spä­te­ren Zeit­punkt ent­schei­den. Viel­leicht habe ich es bis dahin auch geschafft, den zwei­ten Band zu lesen, der nun schon seit eini­ger Zeit auf mei­nem Nacht­tisch liegt und den ich jeden Mor­gen mit schlech­tem Gewis­sen anschaue, weil ich ein­fach nicht dazu kom­me, ihn über­haupt auch nur auf­zu­schla­gen. (Zum Semes­ter­en­de steht ein­fach mal wie­der so viel Arbeit an.)
À pro­pos Semes­ter­en­de: wir haben das Ende des Semes­ters erreicht und gehen damit in die Som­mer­pau­se. Wie es halt immer so ist, blei­ben vie­le Gesprächs­fä­den lose hän­gen und gera­de die wich­tigs­ten Fra­gen unbe­ant­wor­tet, aber so soll es ja auch sein, alles Defi­ni­ti­ve ist schließ­lich immer auch ein biss­chen lang­wei­lig. Ich freue mich schon, ab Beginn des neu­en Semes­ters im Okto­ber wei­ter mit euch zu schrei­ben und wün­sche euch bis dahin einen guten, schö­nen, ent­span­nen­den und pro­duk­ti­ven Som­mer!
Auch wenn Du nun schon ein biss­chen abge­winkt hast, mein lie­ber Alex­an­der, wür­de ich an die­ser Stel­le noch ein­mal ver­su­chen wol­len, Dir zumin­dest einen Aspekt der Sys­tem­theo­rie schmack­haft zu machen. Dabei wird ersicht­lich, dass ich Sido­ni­es Ein­schät­zung zum poli­ti­schen Wert der Sys­tem­theo­rie eine gegen­läu­fi­ge Per­spek­ti­ve zur Sei­te stel­len möch­te.
Ganz kon­kret geht es mir nun um die Fra­ge der ‚Gemein­schaft‘, die Du the­ma­ti­siert hast und mit der Du – zumin­dest in einer gewis­sen Erschei­nungs­form – ein Pro­blem zu haben scheinst. Die­se Erschei­nungs­form benennst du als die Ideo­lo­gie der ‚orga­ni­schen‘ Gemein­schaft. Bei vie­len Den­kern wird die Meta­pher des Orga­nis­mus im Gegen­satz zur Maschi­ne gedacht. Unter­schie­den wer­den bei­de dadurch, dass die Maschi­ne als blo­ße Sum­me ihrer Tei­le defi­niert wird, der Orga­nis­mus aber „mehr“ sein soll als das. Die­ses „mehr“ bedeu­tet dann, dass der Orga­nis­mus ein „Gan­zes“ ist, das sei­ne Tei­le über­haupt erst her­vor­bringt (das wäre die Ideo­lo­gie der Nati­on, der Volks­ge­mein­schaft, etc.), wäh­rend die Maschi­ne eine blo­ße Assem­bla­ge von Ein­zel­nem ist, die ohne wei­te­res wie­der demon­tiert wer­den könn­te (so den­ken heu­te vie­le Men­schen über Euro­pa, wenn sie von einem ‚blo­ßen‘ „Ver­trags­kon­strukt“ spre­chen). Wie wir sehen, beru­hen sowohl die Meta­pher der Maschi­ne als auch die­je­ni­ge des Orga­nis­mus auf einem Sche­ma, in dem das Gan­ze und sei­ne Tei­le in einem unter­schied­li­chen Ver­hält­nis von Kau­sa­li­tät gedacht wer­den.
Wenn man es sich nun zur Auf­ga­be machen wür­de, das Wir­ken die­ser Meta­phern in der Gesell­schaft, im poli­ti­schen Ima­gi­nä­ren usw. kri­tisch zu beschrei­ben, dann wäre es mei­ner Ansicht nach pro­ble­ma­tisch, in der eige­nen Beschrei­bungs­spra­che auf eine Theo­rie der Gesell­schaft zurück­zu­grei­fen, die auf dem­sel­ben Sche­ma basiert wie die in den Blick genom­me­ne Meta­pho­rik: näm­lich auf Gesell­schaft als Sum­me der in ihr leben­den Indi­vi­du­en, mei­net­we­gen umge­kehrt auch als Prin­zip a prio­ri, das die­se Indi­vi­du­en her­vor­bringt. Noch ekla­tan­ter wird das Pro­blem, wenn man, wie etwa Fer­di­nand Tön­nies, von der Unter­schei­dung Gemeinschaft/Gesellschaft aus­geht und damit im Grun­de die nor­ma­ti­ven Prä­mis­sen der Unter­schei­dung Organismus/Maschine – Gemein­schaft = orga­nisch, Gesell­schaft = mecha­nisch (Tön­nies) – bloß repro­du­ziert.
Die Sys­tem­theo­rie hät­te nun den ent­schei­den­den Vor­teil, dass sie einen Begriff von Gesell­schaft anbie­tet, der nicht auf dem Gan­zes-Tei­le-Sche­ma, son­dern auf dem Prin­zip der sozia­len Aus­dif­fe­ren­zie­rung, der Leit­un­ter­schei­dung System/Umwelt und der Kom­mu­ni­ka­ti­on beruht. Jedes Teil­sys­tem fer­tigt stän­dig so genann­te ‚Selbst­be­schrei­bun­gen‘ an, die der Anschluss­fä­hig­keit und Ori­en­tie­rung von Kom­mu­ni­ka­ti­on die­nen und dabei vor allem die Auf­ga­be haben, Kom­ple­xi­tät zu redu­zie­ren: Orga­nis­mus und Maschi­ne stel­len extre­me Mög­lich­kei­ten der Reduk­ti­on von Kom­ple­xi­tät dar. Anders nun als eine Sozio­lo­gie, die auf der­sel­ben Form der Reduk­ti­on von Kom­ple­xi­tät basiert, ermög­licht die Sys­tem­theo­rie eine radi­ka­le Ent­sub­stan­tia­li­sie­rung des Begriffs der Gemein­schaft. Und das hal­te ich für einen genu­in poli­ti­schen Wert die­ser Theo­rie, der sich, wenn ich Dich rich­tig ver­ste­he, auch noch ziem­lich genau mit Dei­nen eige­nen poli­ti­schen Moti­va­tio­nen decken müss­te, Alex­an­der. Viel­leicht klingt die­se Ein­la­dung in Dei­nen Ohren ja über­zeu­gend genug, dass Du Luh­mann irgend­wann noch ein­mal eine Chan­ce geben wirst.
Sido­nie, du bist wirk­lich eine Brü­cken­baue­rin und ich fin­de es schön, dass du in dei­nen theo­re­ti­schen Über­le­gun­gen gewis­ser­ma­ßen zwi­schen Felix und mir zu ver­mit­teln ver­suchst. Felix und ich haben (glau­be ich) schon län­ger fest­ge­stellt, dass (neben dem, was er Pathos nennt) Luh­mann gewis­ser­ma­ßen unser Schei­de­punkt ist und das ist irgend­wie voll okay. Ich kom­me bei einer der­ar­ti­gen „Vogel­per­spek­ti­ve“ zwar noch mit und fin­de das auch eini­ger­ma­ßen inter­es­sant, füh­le mich aber dort, wo es unüber­sicht­li­cher wird und die eige­nen Wider­sprü­che schwie­ri­ger zu benen­nen sind (gewis­ser­ma­ßen im „Hand­ge­men­ge“) ein­fach woh­ler.
Dan­ke übri­gens für dei­nen Bericht zu McCar­thy, Len­na. Ich war an dem Abend lei­der ver­hin­dert und konn­te des­halb nicht an der Vor­le­sung teil­neh­men. Was die Kitt­ler-Refe­ren­zen angeht: mir wur­de ein­mal gesagt, McCar­thys C (der ein­zi­ge sei­ner Roma­ne, den ich noch nicht gele­sen habe) sei stark von Kitt­ler beein­flusst. Die Per­son, die mir das erzähl­te, sprach sogar von einem „Kitt­ler-Roman“. Viel­leicht wer­de ich dem bei Gele­gen­heit mal auf den Grund gehen (auch wenn ich, um dar­über urtei­len zu kön­nen, zunächst auch noch ein­mal gründ­li­cher Kitt­ler lesen müss­te). Da du auch De Cer­teau erwähnst: bil­de ich es mir ein oder ist der „All­tag“ in den Geis­tes­wis­sen­schaf­ten zuletzt zu einem Tren­ding Topic avan­ciert? (Da mir gera­de selbst kei­ne kon­kre­ten Bei­spie­le ein­fal­len, bil­de ich es mir ver­mut­lich tat­säch­lich ein.)
Was Ver­non Sub­utex angeht: Bis­her habe ich nur die Rezen­si­on gele­sen, habe es mir nun aber bestellt, damit wir uns noch dar­über aus­tau­schen kön­nen. Ver­mut­lich wer­de ich erst in der Som­mer­pau­se dazu kom­men, es tat­säch­lich zu lesen. Reicht das?
Ich den­ke, dass die Unter­schei­dung die Poli­tik / das Poli­ti­sche sich durch­aus auf die Unter­schei­dung Staat / Gesell­schaft pro­ji­zie­ren lässt und ver­ste­he dei­ne Aus­füh­run­gen, Felix, des­halb nicht ganz als Wider­spruch zu dem von mir geschrie­be­nen. Gene­rell muss ich aber fest­hal­ten, dass ich Luh­mann zwar immer wie­der mit gro­ßem Gewinn lese (zumin­dest, wenn es um Fra­gen der Theo­rie und der Geschich­te geht), dass ich ihn aber für ein Nach­den­ken über kon­kre­te poli­ti­sche Pro­ble­me mit Vor­sicht genie­ße.
In Bezug auf die Unter­schei­dung Staat / Gesell­schaft mag Luh­mann zum Bei­spiel von einem ‚Frei­heits­ge­winn‘ spre­chen. Die­se ‚Frei­heit‘ von der ‚Poli­tik‘ (Staat) hat doch aber eben auch zu der Ten­denz geführt, ‚Gesell­schaft‘ als unpo­li­ti­schen Raum auf­zu­fas­sen. (Bestimm­te Leu­te, wie zum Bei­spiel Georg Lukács oder Alex­an­der Mirault, wür­den behaup­ten, dass dies ins­be­son­de­re auf Deutsch­land zutrifft.) Die Unter­schei­dung die Poli­tik / das Poli­ti­sche – und das ‚Poli­ti­sche‘ hier eben ver­stan­den als die gesell­schaft­li­che Orga­ni­sa­ti­on von Ver­kehrs­for­men, Wer­ten, etc. – ver­sucht dem­ge­gen­über, ein poli­ti­sches Ver­ständ­nis von ‚Gesell­schaft‘ vor­an­zu­trei­ben. ‚Ethik‘ hat dann eben nicht bloß etwas mit Indi­vi­dual­ein­stel­lun­gen zu tun, son­dern mit der Fra­ge nach den kon­kre­ten For­men von Ver­ge­sell­schaf­tung, der Dis­tri­bu­ti­on von Wer­ten, mit der Ent­ste­hung, Funk­ti­on und der Pro­ble­ma­tik von sozia­ler Dif­fe­renz, Habi­tus­for­men usw. Das soll­te man nicht mit Moral gleich­set­zen und vor allem auch nicht mit der Anru­fung eines ‚Ethos‘.
In Ethik als Refle­xi­ons­theo­rie der Moral weist Luh­mann auf einen ähn­li­chen Punkt hin, wenn er über Aris­to­te­les schreibt:
„Über den Begriff des Ethos fand man Zugang zu Unter­schei­dun­gen, die eng an die Typik gesell­schaft­li­cher Dif­fe­ren­zie­rung ange­schlos­sen waren (und sich des­halb auch von ›Poli­tik‹ theo­re­tisch nicht sau­ber tren­nen lie­ßen). Es ging pri­mär um die Unter­schei­dung von Stadt/Land (oder auch pólis/oíkos, bzw. for­ma­ler: Zentrum/Peripherie) und sekun­där, aber in der Fol­ge­tra­di­ti­on bis hin zur ita­lie­ni­schen Früh­re­nais­sance sehr wirk­sam, um die Unter­schei­dung von Adel und Volk, also um Stra­ti­fi­ka­ti­on. Der Ethos­be­griff dien­te damit der aus­zeich­nen­den Her­vor­he­bung gegen­über ande­rem, das zwar auch zum Sozi­al­sys­tem Gesell­schaft gehör­te, aber nicht im eigent­li­chen Sin­ne und nicht im Sin­ne mensch­li­cher Per­fek­ti­on. Man hört nichts von einem Ethos der Rude­rer in den Galee­ren.“
Anders for­mu­liert, muss man sich ein ‚Ethos‘ und auch eine ‚Moral‘ erst ein­mal leis­ten kön­nen. Das ist eine Fra­ge des bereits dis­tri­bu­ier­ten Pri­vi­legs oder anders for­mu­liert: der sozia­len Dif­fe­renz. Und die Auf­ga­be der ‚Ethik‘ müss­te es mei­ner Mei­nung nach sein, nach den kon­kre­ten For­men, der Ent­ste­hung und den Bedin­gun­gen die­ser Dif­fe­renz zu fra­gen, um von dort aus die Gül­tig­keit mora­li­scher Urtei­le (gut/schlecht bzw. gut/böse) infra­ge zu stel­len. Luh­mann ent­wirft Ethik nicht als Begrün­dung der Moral, son­dern als ihre Refle­xi­ons­theo­rie. Ich wür­de mir Ethik eher als Kri­tik der Moral vor­stel­len und zwar in dem Sin­ne, dass sie durch die Offen­le­gung der his­to­ri­schen, sozia­len, etc. Kon­tin­genz ihrer nor­ma­ti­ven Set­zun­gen zugleich deren Gel­tungs­an­spruch zurück­weist.
Damit ist wohl auch ange­deu­tet, dass ich es nicht unbe­dingt für glück­lich hal­te, Luh­manns Begriff der ‚Frei­heit‘ – so sehr sich dar­in ein gewis­ser Libe­ra­lis­mus aus­drü­cken mag – in einem eman­zi­pa­ti­ven, poli­ti­schen Sinn zu deu­ten. Genau wie in der Anti­ke ein ‚Ethos‘, muss man es sich heu­te erst ein­mal leis­ten kön­nen, die The­se zu ver­tre­ten, dass der ‚Mensch‘ außer­halb der ‚Gesell­schaft‘ ste­he und des­halb ihr gegen­über ‚frei‘ sei. Auch wenn ich, wie gesagt, ein­se­he, dass damit für eine gewis­se Form der Sozio­lo­gie viel gewon­nen sein mag, bin ich der fes­ten Über­zeu­gung, dass die­se The­se nur von einem wei­ßen West­eu­ro­pä­er und auch nur in einer Pha­se des durch­set­zen­den Wohl­stands ver­fasst wer­den konn­te. Auch wenn ich ab und an mei­ne Pro­ble­me mit Ador­no habe, liegt mir der Begriff der ‚Gesell­schaft‘ der Kri­ti­schen Theo­rie im Ver­gleich deut­lich näher, weil er ein Bewusst­sein dafür hat, dass der Mensch eben nicht frei ist und zwar gera­de weil er ein­zig und allein in der Gesell­schaft exis­tiert und exis­tie­ren kann und durch ihre Nor­men, ihre Moral, ihre Ver­kehrs­for­men bestimmt ist. ‚Ethik‘, wie ich sie oben ange­deu­tet habe, arbei­tet am gesell­schaft­li­chen Bewusst­sein die­ser Tat­sa­che. (Sie soll­te uns dabei nicht davon abhal­ten, an dem, was wir so machen, an all den Din­gen, die wir für­ein­an­der pro­du­zie­ren und mit­ein­an­der aus­tau­schen, sei­en es Hand­lun­gen, Wer­ke oder Gedan­ken, kurz: anein­an­der unse­ren Spaß zu haben.)
Dan­ke Felix, aber ich habe irgend­wie das Gefühl, dass du die Unter­schei­dung zwi­schen der Poli­tik und dem Poli­ti­schen, die Sido­nie ja anbringt, zuerst über­liest, um sie dann selbst wie­der anzu­füh­ren, aber dar­auf soll Sido­nie lie­ber selbst ant­wor­ten.
Ich möch­te euch an die­ser Stel­le kurz von einer Vor­le­sung erzäh­len, die ich am Don­ners­tag besucht habe. Tom McCar­thy hat an der FU Ber­lin die Szon­di-Lec­tu­re gehal­ten und da wir nun schon so aus­führ­lich über den Roman dis­ku­tiert haben, könn­te euch das ja viel­leicht inter­es­sie­ren. Die Ver­an­stal­tung fand in einem Hör­saal statt, der viel­leicht zu einem Vier­tel besetzt und wirk­lich bizarr kli­ma­ti­siert war, die über­gro­ßen Fens­ter alle ver­han­gen und der Saal künst­lich beleuch­tet. Ich habe das als Aus­druck der naiv-ver­träum­ten Men­schen­feind­lich­keit der Uni­ver­si­tät ver­stan­den, wo es aufs Wohl­füh­len halt nicht ankommt. Die Glas­ar­chi­tek­tur im Zen­trum Lon­dons, wie sie in Satin Island geschil­dert wird, ist bestimmt attrak­ti­ver. Aber wir wis­sen ja, dass U. als „cor­po­ra­te anthro­po­lo­gist“ zwar ein Büro in einem sol­chen Gebäu­de hat, aber eben nicht in einer tages­licht­durch­flu­te­ten Eta­ge mit Aus­blick auf die City, son­dern im Kel­ler, mit Aus­blick auf zahl­lo­se erra­ti­sche Dos­siers, die an den Wän­den hän­gen, aus denen die Kli­ma­an­la­ge dröhnt. Der Hör­saal an der FU ist somit zwar ein archi­tek­to­ni­scher Affront gegen Red­ner und Publi­kum, den ich mit viel gutem Wil­len aber auch als Hom­mage an den letz­ten Roman von Tom McCar­thy auf­fas­sen kann…
Der Vor­trag von Tom McCar­thy wur­de von Pro­fes­sor Wit­te ein­ge­lei­tet, der dabei eini­ge Gedan­ken zur Form des Romans wei­ter­ent­wi­ckel­te. Dar­über wur­de ja auch im neu­lich gepos­te­ten Bericht zum Satin Island-Work­shop geschrie­ben. Herr Wit­te brach­te das aber noch ein­mal anders auf den Punkt. Er frag­te nach dem „para­dox of sto­ry tel­ling […] when all distan­ce of obser­va­ti­on is lost” und mach­te auf Momen­te des Obses­si­ven und der Eska­la­ti­on auf­merk­sam, von denen Satin Island ja wirk­lich poe­to­lo­gisch geprägt ist.
Tom McCar­thy hielt dann einen Vor­trag über die Medi­en­ge­schich­te von Black Boxes, womit nur anfäng­lich Flug­schrei­ber gemeint waren. Bald behan­del­te er Sär­ge (als lite­ra­ri­sches Motiv, Dra­cu­la, Moby Dick), Con­tai­ner­schif­fe, die ers­ten Auf­zeich­nungs­ge­rä­te und so man­che Aberra­ti­on der Tech­nik­ge­schich­te, wie den von Lil­li­an Gil­breth ent­wi­ckel­ten „chro­no­cy­cle­graph“, eine Tech­no­lo­gie, die mit­tels eines beleuch­te­ten Fin­ger­rin­ges und pho­to­gra­phi­scher Dau­er­be­lich­tung Bewe­gungs­pro­fi­le von Hand­ar­beit erstellt.
Die Auf­schich­tung von Moti­ven, hier: Black Boxes, mit der McCar­thy, wir haben dar­über gere­det, in sei­nen Roman arbei­tet, benutzt er auch in sei­nen theo­re­ti­schen oder kri­ti­schen Text­for­ma­ten. Wie ein Senk­blei hat er sein Black Box-Motiv in die Lite­ra­tur- und Indus­trie­ge­schich­te hin­ab­glei­ten las­sen und dabei nicht zufäl­lig mehr­fach Fried­rich Kitt­ler erwähnt (viel­leicht auch eine höf­li­che Ver­nei­gung vor dem deut­schen Publi­kum), in des­sen Den­ken die Ko-Evo­lu­ti­on von Kunst und Tech­no­lo­gie eine zen­tra­le Rol­le spielt. Die umfas­sends­te begriff­li­che Syn­the­se bil­de­te in McCar­thys Vor­trag aller­dings ein Zitat aus Michel de Cer­taus L’invention du quo­ti­di­en (ich weiß gar nicht, wie das auf Eng­lisch heißt), in der die Moder­ne ins­ge­samt als „scrip­tu­ral enter­pri­se“ bezeich­net wird, also als schrift­li­ches Unter­neh­mer­tum. Auf­schrei­ben sei, so McCar­thy, inhä­rent ver­bun­den mit dem Moder­nis­mus des Pro­du­zie­rens. Auch Auto­ren ver­fah­ren dem­nach ent­spre­chen­den dem omni­prä­sen­ten Drei­schritt input/operation/output und sind in die­sem Sin­ne, genau!, Black Boxes.
Die ers­te Fra­ge aus dem Publi­kem lau­te­te dann: „Is the­re a soul in the Black Box?“ „Well“, über­leg­te McCar­thy, „perhaps a ghost.“
Ich fin­de eure Aus­füh­run­gen wirk­lich fas­zi­nie­rend und ich lese sie, wie ande­re einen Tier­film gucken… Die­se ador­ni­ti­sche Mischung von Abs­trak­ti­on und Pathos, die ihr euch ange­eig­net habt, hat eine star­ke Wir­kung. Ich muss aber sagen, dass mir da manch­mal die ana­ly­ti­sche Beob­ach­tung ent­wischt. Ich fra­ge mal in medi­as res, war­um Du dich, Sido­nie, für die Ver­wen­dung des gene­ri­schen Sin­gu­lars bei dem Wort „Dif­fe­renz“ recht­fer­tigst, wäh­rend ich es viel erklä­rungs­be­dürf­ti­ger fin­de, wenn von „dem Poli­ti­schen“ die Rede ist. Dazu schreibst Du dann: „Die Aner­ken­nung jeg­li­cher Form von Dif­fe­renz als genu­in poli­ti­sche Her­aus­for­de­rung, als Ort des Poli­ti­schen“. Aber ist das denn nun etwas ande­res als die Ethi­sie­rung von Poli­tik, die Du, Sido­nie, zuvor noch völ­lig zu Recht kri­ti­siert hat­test. Ein, zuge­ge­ben, sehr ver­sier­ter Appell, aber eben doch Appell an die Ein­stel­lung von Indi­vi­du­en? Das wäre dann Moral, schö­ne zwar, aber doch eben – Moral.
Ver­steht mich nicht falsch: Ich wün­sche mir ja genau das­sel­be, den­ke aber, dass die Tugend, mit Dif­fe­renz umzu­ge­hen und die­se gar wert­schät­zen zu kön­nen, eher eine habi­tu­el­le Kon­se­quenz aus einer offe­nen Gesell­schaft ist und nicht die mora­li­sche Vor­aus­set­zung für die­se. Von Luh­mann gibt es dazu ziem­lich auf­schluss­rei­che Gedan­ken. Er gibt z. B. in einem Text zur Dif­fe­renz von Staat und Gesell­schaft eine his­to­ri­sche Her­lei­tung der sozia­len Tat­sa­che, dass Poli­tik heu­te ein sehr spe­zi­el­ler, ein­zel­ner Teil­be­reich von Gesell­schaft ist. Dar­in sieht er aller­dings einen immensen Frei­heits­ge­winn, nicht nur weil die Indi­vi­du­en gewis­ser­ma­ßen von der Arbeits­last der poli­ti­schen Orga­ni­sa­ti­on ent­las­tet wür­den (das allein wäre in der Tat kei­ne Errun­gen­schaft), son­dern auch weil die Aus­dif­fe­ren­zie­rung des Poli­ti­schen in die hoch­in­tri­ka­ten Sub­sys­te­me von Poli­tik, Recht und Wirt­schaft dem offe­nen Hori­zont der Moder­ne Rech­nung trägt: Die Umstel­lung von Ein­heit auf Dif­fe­renz auch im Poli­ti­schen ist die Vor­aus­set­zung für die Frei­heit des Ein­zel­nen, und die ‚tech­ni­sche‘ Tren­nung von gesell­schaft­li­cher Ethik und poli­ti­scher Orga­ni­sa­ti­on garan­tiert die­se Frei­heit.
Der­zeit kann man aller­dings unver­hoh­len restau­ra­ti­ve Ten­den­zen beob­ach­ten: Die Sehn­sucht nach ‚orga­ni­scher Gemein­schaft‘, die Re-Natio­na­li­sie­rung in der EU, das Abtra­gen von Gewal­ten­tei­lung und Rechts­staat­lich­keit und die damit ver­bun­de­ne Kon­struk­ti­on von Obrig­keits­staa­ten des 21. Jahr­hun­derts. All dies sind Anstren­gun­gen, die Gesell­schaf­ten auf Ein­heit umzu­stel­len. Die Hoff­nung, das Leben dann ‚unter Kon­trol­le‘ zu haben, könn­te sich zwar erfül­len. Es wird aber lei­der nicht die eige­ne Kon­trol­le sein.
Ich muss­te bei dem, was du geschrie­ben hast, Sido­nie, an eine Stel­le aus Ador­nos Vor­le­sung Ein­füh­rung in die Dia­lek­tik den­ken, an der Ador­no von der „Dif­fe­renz“ als einer „Uto­pie“ spricht: „…daß das Ver­schie­de­ne neben­ein­an­der besteht, ohne sich gegen­sei­tig zu ver­nich­ten, daß ein Ver­schie­de­nes dem ande­ren Raum läßt, um sich zu ent­fal­ten, und daß – könn­te man hin­zu­fü­gen – das Ver­schie­de­ne sich liebt, das wäre eigent­lich der Traum über­haupt einer ver­söhn­ten Welt“. Die Dia­lek­tik, sagt Ador­no, „ist der nega­ti­ve Aus­druck eines Zustan­des, indem sie in der Tat das Den­ken ist, das einer Wirk­lich­keit sich anmißt, in der der Wider­spruch, also das aus sich her­aus, aus dem eige­nen Prin­zip her­aus auf sei­ne eige­ne Ver­nich­tung Abzie­len­de, eigent­lich an die Stel­le des Glücks der Dif­fe­renz über­haupt sich gesetzt hat.“ Ich mag die­se Pas­sa­ge so sehr, weil hier ein Ador­no spricht, der in die­ser Ton­la­ge oft unbe­kannt ist oder igno­riert wird und möch­te sie an die­ser Stel­le ohne wei­te­re Aus­füh­run­gen ste­hen las­sen.
Ich muss­te in die­sem Zusam­men­hang übri­gens vor ein paar Tagen noch an eine ande­re Sache den­ken: auf Face­book schrieb jemand in etwa „Lie­ber Schwarm, kann mir jemand gute Restau­rants in Lis­sa­bon emp­feh­len?“ und ich kam mir bei die­sem Wort „Schwarm“ plötz­lich ins Jahr 2009 zurück ver­setzt vor, als über­all von „Schwar­min­tel­li­genz“ gespro­chen wur­de und sogar die Welt Kom­pakt mit einem Wer­be­spot warb, in dem Vogel­schwär­me zu sehen waren, zusam­men mit der Fra­ge „Sind wir reif für eine neue Zei­tung?“ Das soll­te wohl beson­ders zeit­ge­nös­sisch sein. Auf jeden Fall war der „Schwarm“ (neben dem „Netz­werk“) damals eine der zen­tra­len Meta­phern der Gemein­schaft. Eini­ge Jah­re spä­ter – dazwi­schen lie­gen ins­be­son­de­re Edward Snow­den und Cam­bridge Ana­ly­ti­ca – scheint klar zu sein, dass der „Schwarm“ und die „Schwar­min­tel­li­genz“ die Ideo­lo­gie der­je­ni­gen waren, bei denen es nicht zum Imker gereicht hat. Heu­te noch auf die­se Meta­pher zurück­zu­grei­fen erscheint mir auf gera­de­zu jäm­mer­li­che Art ver­dummt.
Nun gut, ich woll­te übri­gens auch dir, Alex­an­der, noch zustim­men, was Twin Peaks angeht. Ich glau­be dabei, dass gera­de die­ser Gut-Böse-Sim­pli­zis­mus und die damit ein­her­ge­hen­de Schrul­lig­keit einen gro­ßen Teil des Charmes aus­ma­chen, der ganz all­ge­mein von Lynch aus­geht. Gewis­ser­ma­ßen ist sein schwächs­ter Moment viel­leicht sei­ne größ­te Stär­ke.
Und da du es erwähnst: hast du auch Ver­non Sub­utex oder nur die Rezen­si­on? Ich bin gera­de mit dem ers­ten Band fer­tig und fän­de es schön, wenn wir uns dar­über uner­hal­ten könn­ten.
Ja, Alex­an­der, viel­leicht hat­te ich tat­säch­lich etwas Ähn­li­ches im Sinn, als ich die Wor­te ‚Zynis­mus‘ und ‚Gemein­schaft‘ mit­ein­an­der in Ver­bin­dung gebracht habe. Am ehes­ten lie­ße sich mein Gedan­ke mit einer Bemer­kung zusam­men­fas­sen, die ich vor weni­gen Tagen in einem Inter­view mit Armen Avan­essi­an gele­sen habe: „Ich habe nichts gegen Medi­ta­ti­on, Yoga und Slow Food. Aber das sind Luxus­phä­no­me­ne. Die kann man zum Ver­gnü­gen betrei­ben, aber als poli­ti­sche Opti­on fin­de ich das nicht mal dis­kus­si­ons­wür­dig.“ (https://www.brandeins.de/magazine/brand-eins-wirtschaftsmagazin/2018/geduld/armen-avanessian-interview-wir-haben-keinen-positiven-zukunftsbegriff-mehr) Zynisch wer­den die hier auf­ge­zähl­ten ‚Tech­no­lo­gi­en des Selbst‘ wohl an dem Punkt, an dem sie als Ersatz für Poli­tik die­nen. Du wür­dest hier ver­mut­lich davon spre­chen, dass sich das Poli­ti­sche ins ‚Ethi­sche‘ zurück­zieht und dadurch ent­po­li­ti­siert wird, dass die Leu­te also plötz­lich vom ihrem ‚Ethos‘ reden, als sei das per se etwas Gutes und Bewun­derns­wer­tes und ohne­hin das ein­zi­ge, was der Ein­zel­ne ange­sichts der heu­ti­gen Welt­la­ge noch machen kann.
Mir ist auf­ge­fal­len, dass aber auch wir hier dazu ten­die­ren, die Fra­ge des Poli­ti­schen aus einer sozio­lo­gisch gepräg­ten Per­spek­ti­ve zu behan­deln, die zugleich mit dem Begriff des ‚Ethi­schen‘ zusam­men­schießt. Das zeigt sich für mich an den Pro­ble­men der sozia­len Aus­dif­fe­ren­zie­rung, die sich in eini­gen unse­rer Bei­trä­ge als Pro­blem einer zum Habi­tus geron­ne­nen ‚Ethik‘ dar­stellt. Deren Ver­hält­nis zum Poli­ti­schen hast ins­be­son­de­re du, Alex­an­der, infra­ge gestellt, indem du von einem ‚Pri­va­tis­mus‘ des Ethi­schen gespro­chen hast. Ich glau­be, wir soll­ten uns noch ein­mal um ein wenig Klar­heit über die Impli­ka­tio­nen unse­rer Begriff­lich­kei­ten bemü­hen und dabei eini­ge Unter­schei­dun­gen berück­sich­ti­gen, die sich in rela­tiv asym­me­tri­scher Form auf­ein­an­der bezie­hen. Ich den­ke dabei an die Unter­schei­dung die Politik/das Poli­ti­sche, die Ethik/das Ethi­sche, Politik/Gesellschaft, Öffentlich/Privat. (Das an die­ser Stel­le nur als Anre­gung, viel­leicht haben wir ja bald etwas Zeit, uns aus­führ­li­cher dar­über zu ver­stän­di­gen.)
Im Kon­text die­ser Begrif­fe fra­ge ich mich, ob es viel­leicht so ist, dass erst aus der Aner­ken­nung von sozia­ler, aber auch jeg­li­cher ande­rer Form von Dif­fe­renz so etwas wie eine genu­in poli­ti­sche Her­aus­for­de­rung ent­steht. Die­se bestün­de dar­in, einen Raum des Poli­ti­schen zu schaf­fen, in dem Dif­fe­renz (der Ein­fach­heit hal­ber ver­wen­de ich den gene­ri­schen Sin­gu­lar) zunächst ein­mal als sol­che erkannt und aner­kannt wer­den kann. Das wür­de zugleich eine Poli­tik her­aus­for­dern, die sich nie­mals auf a prio­ri („gemein­schaft­lich“) vor­ge­ge­be­ne Wer­te beru­fen kann, son­dern für die jeg­li­cher Form von ‚Gemein­schaft‘ eine immer wie­der neu zu stel­len­de Fra­ge, eine nie gänz­lich zu lösen­de und doch immer wei­ter bear­bei­te­te Auf­ga­be dar­stellt.
Ich ver­ste­he durch­aus, woher dei­ne Abnei­gung gegen­über dem Begriff der ‚Gemein­schaft‘ rührt, Alex­an­der: du meinst sicher­lich die ‚orga­ni­sche Gemein­schaft‘ (über die u.a. Jean-Luc Nan­cy geschrie­ben hat). Im 19. und 20. Jahr­hun­dert hat die­ser Begriff mit sei­nem Drang zur Aus­lö­schung des Indi­vi­du­ums sehr viel Scha­den ange­rich­tet und auch mir wird schlecht, wenn ich so kon­ser­va­ti­ve Typen wie Simon Strauß auch heu­te noch von irgend­wel­chen Sehn­süch­ten nach einer ‚Gemein­schaft‘ (und nach ‚Ver­bind­lich­keit’ und ‚Iden­ti­tät‘) reden höre, die etwas bie­tet, das über das Indi­vi­du­um hin­aus­geht. (Das war doch sicher­lich der Bezugs­punkt dei­nes letz­ten Absat­zes, oder? Ich habe bei Strauß übri­gens gar nicht das Gefühl, dass es ihm wirk­lich um ‚Gemein­schaft‘ geht, son­dern vor allem um männ­li­che Selbst­be­haup­tung.) Aber das sind ja eben sehr reak­tio­nä­re Posi­tio­nen, die in ihrem Den­ken der Fra­ge der ‚Gemein­schaft‘ in einer längst über­kom­me­nen Logik ver­haf­tet blei­ben, wäh­ren der Dis­kurs sich mitt­ler­wei­le grund­le­gend gewan­delt hat. So lie­ße ‚Gemein­schaft‘ sich eben auch als ein Zusam­men­schluss den­ken, in dem das Indi­vi­du­um nicht aus­ge­löscht wird, son­dern über­haupt erst einen Rah­men der Aner­ken­nung für sei­ne Iden­ti­tät fin­det. Das scheint mir auf ziem­lich vie­le Min­der­hei­ten­grup­pie­run­gen zuzu­tref­fen, ins­be­son­de­re auf die LGBTQI+-Communities, in denen gemein­schaft­li­che Orga­ni­sa­ti­ons­for­men dem Schutz und gleich­zei­tig der gesell­schaft­li­chen Sicht­bar­ma­chung die­nen kön­nen. Die ‚Gemein­schaft‘ bekommt hier einen sehr posi­ti­ven, eman­zi­pa­ti­ven Wert, weil sie Indi­vi­dua­li­tät und Dif­fe­renz nicht aus­löscht, son­dern viel­mehr einen Raum bie­tet, in dem die­se sich ent­fal­ten kann. In Bezug auf die unre­flek­tier­te, in Form von nor­ma­ti­ver Selbst­ver­ständ­lich­keit herr­schen­de ‚Gemein­schaft‘ der ‚Mehr­heit‘ liegt hier ein anti-nor­ma­ti­ver Impe­tus zugrun­de. Wie heißt es schon bei Ibsen im Volks­feind? „Der gefähr­lichs­te Feind der Wahr­heit und Frei­heit bei uns – das ist die kom­pak­te Majo­ri­tät.“
Dan­ke für Dei­ne Aus­füh­run­gen Len­na! (Mir fällt bei der Gele­gen­heit ein, dass du mir Ber­lin Baby­lon vor ein paar Jah­ren zum Geburts­tag geschenkt hast. Wie immer ein aus­ge­zeich­ne­tes Geschenk!)
Was Twin Peaks betrifft, wür­de mich jetzt inter­es­sie­ren, auf wel­che Imma­nenz des Lebens­sinns ein sol­ches Ver­lust­nar­ra­tiv hin­deu­tet. Ich glau­be näm­lich, dass du recht hast: die Lage ist in der neu­en Staf­fel ein­deu­tig ver­schärft. Die Stel­len, die du nennst, sind dafür exem­pla­risch: Der wahl­los abge­ge­be­ne Schuss und dann die völ­lig aso­zia­le Frau, die sich dar­über beklagt. (Ich muss­te an die­ser Stel­le dei­ner Aus­füh­run­gen, Len­na, übri­gens an eine Rezen­si­on zu Ver­non Sub­utex von Vir­gi­nie Des­pen­tes den­ken, die ich auf Spie­gel Online gele­sen habe: http://www.spiegel.de/kultur/literatur/vernon-subutex-von-virginie-despentes-triumph-der-tirade-a-1161150.html „Tri­umph der Tira­de“, genau das ist es doch. Viel­leicht hängt das auch alles mit dem ame­ri­ka­ni­schen Talk­show- und Rea­li­ty-TV zusam­men, das von Lynch hier – im Gegen­satz zu den Soap Ope­ra-Ele­men­ten ins­be­son­de­re der ers­ten Staf­fel – als Refe­renz auf­ge­nom­men wur­de.) Die Sze­ne emp­fand ich, selbst ohne das Goo-Erbre­chen des Kin­des, min­des­tens genau­so ‚mys­te­ri­ös‘ wie die Erkun­dung des Black-Lodge-Ein­gan­ges, bei der dem Zeu­gen der Kopf abge­fres­sen wird. Aber was genau ist da ver­lo­ren gegan­gen? Das wird nie son­der­lich expli­zit, oder? In der ers­ten Twin Peaks-Epo­che hat­te das ‚Gute‘ noch eine rüh­rend nai­ve Sym­bo­li­sie­rung durch die ‚good cops‘ und das FBI als Boll­werk der Zivi­li­tät, die dar­über hin­aus auch von ver­schie­de­nen Funk­ti­ons­trä­gern aus der Mit­te der Gesell­schaft von Twin Peaks ver­kör­pert wur­de. (Ich den­ke u.a. an Dr. Hay­ward, aber auch an die in einem ande­ren Sin­ne sehr güti­ge Nor­ma.) Ganz wich­tig war hier außer­dem immer: die Lie­be. Alle waren in der fal­schen Bezie­hung gefan­gen. Und das Ur-Ver­bre­chen war die Pro­sti­tu­ti­on der Töch­ter.
Anders gefragt: Gibt es bei Lynch über­haupt die Mög­lich­keit eines imma­nen­ten Lebens­sinns, der über das medi­ta­ti­ve, güti­ge Sub­jekt hin­aus­ge­hen wür­de? Ich glau­be näm­lich, dass alle gesell­schaft­li­che Ver­bind­lich­keit, die ja bei Lukács eine Rol­le spielt, bei Lynch nur ein Ober­flä­chen­ef­fekt ist, wäh­rend im Hin­ter­grund manichäi­sche Dämo­nen den Gut-Böse-Dua­lis­mus aus­fech­ten. Und obwohl das total sim­pli­zis­tisch ist und wir alle wis­sen, dass Lynch ja irgend­wie auch ein spi­ri­tua­lis­ti­scher Spin­ner ist, fin­den wir das trotz­dem toll. Da wun­de­re ich mich manch­mal (über mich selbst).
Viel­leicht führt von hier aus auch ein Weg zur Fra­ge der ‚Gemein­schaft‘, Sido­nie. Ich habe näm­lich das Gefühl, dass in den letz­ten Mona­ten und Jah­ren gera­de von rech­ter, kon­ser­va­ti­ver Sei­te mas­siv iden­ti­tä­re Seman­ti­ken auf­ge­fah­ren wur­den, die auf ver­meint­lich ursprüng­li­che ‚Gemein­schaf­ten‘ abzie­len. (Fin­det ihr es eigent­lich auch immer skur­ril, dass von rech­ter Sei­te behaup­tet wird, die ‚Lin­ke‘ habe sich in den letz­ten Jahr­zehn­ten zu sehr auf Iden­ti­täts­po­li­tik kon­zen­triert, obwohl ja gera­de die ‚Rech­te‘ schon lan­ge nichts ande­res mehr betreibt als genau das: Iden­ti­täts­po­li­tik, um von ihrer desas­trö­sen Wirt­schafts­po­li­tik abzu­len­ken?) Ganz wie bei Tön­nies wird die ‚orga­ni­sche Gemein­schaft‘ hier der ‚mecha­ni­schen Gesell­schaft‘ als ein Wär­me­nest für das ver­ein­zel­te Indi­vi­du­um in der so genann­ten ‚Post­mo­der­ne‘ ent­ge­gen­ge­stellt: die Nati­on gegen Euro­pa, ‚Deut­sche‘ gegen ‚Aus­län­der‘, Chris­ten gegen Ara­ber und/oder gegen Juden, usw. usf. In mei­nen Augen ist das alles reak­tio­nä­rer Unsinn, ein kom­plet­tes Ver­sa­gen an dem, was Lukács ‚tran­szen­den­ta­le Obdach­lo­sig­keit‘ genannt hat (er selbst ist dar­an ja auch geschei­tert und des­halb Kom­mu­nist gewor­den, so wie es Schle­gel zum Katho­li­zis­mus ver­schla­gen hat), was man ja aber auch ein­fach ‚Frei­heit‘ nen­nen könn­te. Zwar nicht im Sin­ne eines Zustands, der erreicht sei, son­dern als his­to­ri­scher Pro­zess der ‚Befrei­ung‘ oder zumin­dest Infra­ge­stel­lung von nor­ma­ti­ven Wer­te­sys­te­men. Ohne jeg­li­che Behaup­tung einer Teleo­lo­gie ist dar­in eine Errun­gen­schaft zu erken­nen. Auch und gera­de in der damit ein­her­ge­hen­den Indi­vi­dua­li­sie­rung. Wer von einer Sehn­sucht nach ‚Gemein­schaft‘ spricht, fällt dahin­ter zurück und hat sich des­halb in mei­nen Augen dis­kre­di­tiert. (Nicht unbe­dingt als ‚Rech­ter‘, son­dern vor allem als Trot­tel, der an sei­ner eige­nen Frei­heit schei­tert.)
End­lich habe ich wie­der ein­mal Zeit, mich in das Gespräch ein­zu­klin­ken. Zu allem wer­de ich mich an die­ser Stel­le nicht äußern kön­nen, die „Final Fron­tier“ betref­fend muss ich jedoch Stan­ley Kub­ricks 2001 erwäh­nen, den ich vor­letz­te Woche im Kino gese­hen habe. Ich hät­te das hier ja gar nicht erwähnt, aber der Gang unse­rer Unter­hal­tun­gen lädt nun ein­mal dazu ein.
Zum 50. Jubi­lä­um sei­ner Ver­öf­fent­li­chung hat Chris­to­pher Nolan neue Kopi­en des ori­gi­na­len 70-Mili­me­ter-Film­ma­te­ri­als anfer­ti­gen las­sen. Herr­lich, ich wünsch­te, so etwas gäbe es öfter! Nun, Kub­rick bear­bei­tet die Fra­ge nach der Fron­tier – selbst als ein Pio­nier der Film­pro­duk­ti­on – auf eine Wei­se, die die kine­ma­to­gra­phi­sche Form selbst an ihre Gren­zen führt. Viel­leicht ist 2001 nicht mal ein beson­ders ‚guter‘ Film, weil er sei­ne Form wirk­lich über­for­dert. Ich fin­de, er ist gera­de des­we­gen ein beson­ders guter Film, aber das sind Gedan­ken, die zu ver­all­ge­mei­nern ich Alex­an­der über­las­se.… Nun gut, nach­dem im mitt­le­ren Akt des Fil­mes ein Ques­te-Plot über­stan­den und der, wie Lot­man sagt, ‚beweg­li­che‘ Held die Gren­ze zu einem neu­en Raum über­schrei­tet, legt der Film genau die­se Kate­go­rie ab: Räum­lich­keit wird in einem gran­dio­sen Bil­der­rausch auf­ge­ho­ben. Mit ande­ren Mit­teln wird auch Zeit­lich­keit von Linea­ri­tät auf Zir­ku­la­ri­tät umge­stellt und auf die­se Wei­se die Kate­go­ri­en von Exten­si­on und Begren­zung negiert.
Kub­rick behan­delt das Pro­blem der Gren­ze und ihrer Über­schrei­tung zum Ende sei­nes Films als phi­lo­so­phi­sches: Gefragt wird nicht mehr nach Raum und Zeit als Koor­di­na­ten der mensch­li­chen Ent­de­ckungs- und Erobe­rungs­lust, son­dern als Kate­go­ri­en des Bewusst­seins – sie­he Imma­nu­el Kant: Kri­tik der rei­nen Ver­nunft. Die letz­te Gren­ze, die der Ques­te-Held über­schrei­tet, ist die der mensch­li­chen Anschau­ungs­for­men und er wird zir­ku­lär an den Aus­gangs­ort sei­ner Rei­se zurück­ver­setzt: Als Embryo beob­ach­tet er nun die Erde von ihrem Orbit aus und wir müs­sen anneh­men, dass er dort nichts ande­res als sich selbst sieht bzw. die mensch­li­che Gat­tung ins­ge­samt, die in ihrem ziel­lo­sen, gewalt­tä­ti­gen Stre­ben in einem Zir­kel der ewi­gen Wie­der­kehr gefan­gen ist. 2001 ist visu­ell und kon­zep­tu­ell ein unfass­bar pro­gres­si­ver Film und dabei der­art pes­si­mis­tisch in sei­ner Aus­sa­ge. Das hat mir rich­tig­ge­hend die Augen geöff­net über ein künst­le­ri­sches Haupt­pro­blem unse­rer Epo­che: Ihr fehlt es an ästhe­ti­schem Pes­si­mis­mus!
Eine Bemer­kung möch­te ich an die­ser Stel­le noch zu Bad Banks los­wer­den: mir kam die­se Serie ästhe­tisch etwas über­am­bi­tio­niert vor, als wol­le dort jemand unbe­dingt bewei­sen, dass ‚man‘ ‚so etwas‘ in ‚Deutsch­land‘ auch kann – ver­gleich­bar mit dem, was Du, Len­na, über die gesuch­te Hand­lungs­kom­ple­xi­tät bei Dark schreibst. Auch Dei­ner Bemer­kung dar­über, dass das fast voll­stän­di­ge Aus­blei­ben unnö­ti­ger Erklä­rung in Bad Banks im Kon­text einer öffent­lich-recht­li­chen Pro­duk­ti­on eine erstau­nens­wer­te Wohl­tat ist, stim­me ich Dir zu. Ich den­ke dabei vor allem an die Sze­ne, in der Jana und Thao in einem Nacht­club mit zwei wild­frem­den Män­nern bei ein­deu­tig sexu­el­len Hand­lun­gen zu sehen sind. Nor­mal­wei­se wür­de hier ein psy­cho­lo­gi­sie­ren­der Dia­log nach dem Mot­to „bei all dem Druck auf der Arbeit muss man irgend­wann ein­fach mal Dampf ablas­sen“ fol­gen, dabei ver­steht man das ja auch so, das fand ich gut.
PS: Ich sehe schon, dass ich den gan­zen Som­mer allei­ne in Ber­lin ver­brin­gen wer­de. Eder wur­de auf eine Kon­fe­renz nach Cam­bridge (USA) ein­ge­la­den und bleibt dann noch gleich für zwei Wochen dort, des­halb müs­sen wir unse­re gemein­sa­men Rei­se­plä­ne auf den Win­ter oder das nächs­te Früh­jahr ver­schie­ben. (Sto­ry of my life.)
Ach Sido­nie, nun habe ich ein schö­nes Bild von dir vor Augen, auf dem du am Steu­er eines klei­nen U-Boots sitzt und den Mee­res­grund nach Cooper absuchst – aller­dings nach Dale und nicht nach Dan. Was letz­te­ren betrifft wür­de ich sagen, dass du ihm in dei­ner Ana­ly­se ja schon sehr gut auf die Schli­che gekom­men bist! (Auch ohne U-Boot.)
Bad Banks habe ich erst mit eini­ger Ver­spä­tung gese­hen, da mei­ne Auf­merk­sam­keit zunächst von Baby­lon Ber­lin (Alex, du hast den Titel mit Ber­lin Baby­lon ver­wech­selt, das ist ein gran­dio­ser Doku­men­tar­film über die Archi­tek­ten des Pots­da­mer Plat­zes mit tol­ler Musik von den Ein­stür­zen­den Neu­bau­ten) über­la­gert wur­de, das damals lei­der (zu Unrecht) alle media­le Auf­merk­sam­keit auf sich gezo­gen hat­te. Bad Banks hat mir dann tat­säch­lich gro­ßen Spaß gemacht: die schnel­le Erzähl­wei­se, die Bild­kom­po­si­ti­on, usw. Allein die­se Dau­er­un­ter­ma­lung aller Sze­nen mit gene­risch atmo­sphä­ri­scher Film­mu­sik war mir ein­deu­tig zu pene­trant. Irgend­wo habe ich die reich­lich ver­trot­tel­te Kri­tik gele­sen, die Serie erklä­re gar nicht aus­rei­chend, wie die Finanz­welt nun tat­säch­lich funk­tio­niert, mir per­sön­lich hat es aber voll­kom­men aus­ge­reicht, dass hier anhand die­ser gan­zen tol­len Figu­ren mit ihrem Euro­zo­ne-Busi­ness-Deng­lisch (allen vor­an natür­lich Manu­el Fen­ger, what a guy!) von der Cra­zy­ness der Finanz­welt erzählt wird. Wer mehr Erklä­run­gen möch­te, kann ja zum Bei­spiel The Big Short von Adam McK­ay gucken. Für eine deut­sche Pro­duk­ti­on ist es zur Abwechs­lung gera­de bemer­kens­wert, dass end­lich ein­mal nicht alles kaputt­er­klärt wird. (Auch wenn ich per­sön­lich mit die­sem – wie­der­um sehr deut­schen – Min­der­wer­tig­keits­kom­plex à la „end­lich mal eine gute deut­sche Serie“ herz­lich wenig anfan­gen kann. Aber auch das ist an Bad Banks ja wie­der ange­nehm: dass es eine inter­na­tio­na­le, mehr­spra­chi­ge, eher euro­päi­sche als deut­sche Serie ist.)
Was dei­ne Fra­ge zur Erträg­lich­keit von „Myste­ry“ bei Twin Peaks angeht, Alex, habe ich kei­ne direk­te Ant­wort. Von den Seri­en, die du zum Ver­gleich genannt hast, ken­ne ich ehr­lich gesagt auch nur Dark. Der Unter­schied mag nun vor allem dar­in lie­gen, dass das Mys­te­rie-Ele­ment dort doch vor allem der arg gewoll­ten Kon­struk­ti­on einer „Kom­ple­xi­tät“ der Erzäh­lung dient, die, um heu­ti­gen Groß­am­bi­tio­nen zu genü­gen, gleich auf drei Zeit­ebe­nen spie­len muss, zwi­schen denen ein­zel­ne Figu­ren hin- und her­rei­sen. Bei Twin Peaks hin­ge­gen ver­han­deln die­se Ele­men­te immer auch sowohl indi­vi­du­el­le als auch kol­lek­ti­ve, psy­chi­sche und gesell­schaft­li­che Zustän­de, Ängs­te und Visio­nen. Eines der Grund­mo­ti­ve in Lynchs Werk ist ja die unter­drück­te, viel­leicht als phan­tas­ma­go­risch zu bezeich­nen­de Unter- oder Kehr­sei­te der bür­ger­li­chen Welt: die Idyl­le, in der sich ein Riss aus­brei­tet. Gera­de den Über­gang von der zwei­ten Staf­fel zu Twin Peaks: The Return habe ich in die­ser Hin­sicht so ver­stan­den, dass mit dem Ein­tritt Coo­pers in die „Black Lodge“ jeg­li­che Hoff­nung auf eine „Imma­nenz des Lebens­sinns“ ver­lo­ren gegan­gen ist. Die­ser end­gül­ti­ge Ein­tritt in einen Zustand der „tran­szen­den­ta­len Obdach­lo­sig­keit“ (ich habe gera­de für ein Semi­nar noch ein­mal Die Theo­rie des Romans von Georg Lukács gele­sen, immer wie­der toll!), die in die­ser Staf­fel ja regel­recht aus­ge­stellt wird, hat auf sowohl inhalt­li­cher als auch auf for­ma­ler Ebe­ne weit­rei­chen­de Fol­gen. Ich will das gera­de nur an eini­gen weni­gen Beob­ach­tun­gen fest­ma­chen. Mir ist zum Bei­spiel auf­ge­fal­len, dass The Return immer wie­der Moti­ve des sozia­len Abstiegs auf­nimmt. Von ein­fa­chen Lebens­ver­hält­nis­sen, ja sogar Armut wuss­ten auch die alten Staf­feln, aller­dings zumeist ver­bun­den mit einer Hal­tung der Mensch­lich­keit und Wür­de. In der neu­en Staf­fel fin­det die­se sich zwar auch noch (vor allem in der von Har­ry Dean Stan­ton gespiel­ten Figur), den­noch wer­den hier ver­mehrt Jun­kies, Ver­wahr­lo­sung, Ein­sam­keit und Elend usw. gezeigt. Eine zwei­te Beob­ach­tung läge dar­in, dass vie­le Figu­ren es nicht mehr schaf­fen, sich in Gesprä­chen mit­ein­an­der aus­zu­tau­schen. Sehr zäh lässt sich das an Audrey Hor­ne und ihrem Mann beob­ach­ten, ich den­ke aber auch an die Frau von Sher­rif Tru­man, die immer nur auf­tritt, um in einem nicht zu stop­pen­den Mono­log ihren Lebens­text auf­zu­sa­gen, vor allem aber an die „roadra­ge“ Frau, die hupend in ihrem Auto sitzt und wie in einer Nach­mit­tags­talk­show Bob­by Briggs ihre Pri­vat­mi­se­re ins Gesicht brüllt, bis dem Kind auf dem Bei­fah­rer­sitz in einer Art epi­lep­ti­schem Anfall genau der Schleim aus dem Mund läuft, der sich gera­de noch ver­bal aus der schrei­en­den Frau ergos­sen hat­te. Dar­in, dass das sozia­le Mit­ein­an­der hier als nach­hal­tig beschä­digt dar­ge­stellt wird, wür­de ich durch­aus eine zeit­dia­gnos­ti­sche Ebe­ne sehen. For­mal mobi­li­siert die „tran­szen­den­ta­le Obdach­lo­sig­keit“ umge­kehrt zumin­dest bei mir ein star­kes Gefühl der Frei­heit. Dadurch, dass es kei­ne star­ke, nar­ra­ti­ve Inte­gra­ti­on der ein­zel­nen Sze­nen in einen über­grei­fen­den Plot gibt und ich oft das Gefühl hat­te, eini­gen Sze­nen mit oft anony­men Neben­fi­gu­ren eher zufäl­lig bei­zu­woh­nen, konn­te ich mich zur Dar­stel­lung immer in einer Ver­hält­nis der distan­zier­ten Beob­ach­te­rin set­zen (unge­fähr so, wie Brecht sich das für das epi­sche Thea­ter gedacht hat): ohne mich sofort fälsch­li­cher­wei­se mit irgend­wem iden­ti­fi­zie­ren zu „müs­sen“ oder „sol­len“, konn­te ich mir so in jedem Moment ganz bewusst die Fra­ge stel­len, wie ich mich zum Gezeig­ten ver­hal­te. Das hat mir wirk­lich gefal­len und jedes Mal, wenn eine Fol­ge zu Ende war, bin ich rich­tig trau­rig gewor­den, nun eine gan­ze Woche auf die nächs­te Fol­ge war­ten zu müs­sen: es hät­te für immer so wei­ter­ge­hen kön­nen. (Ich bin beim Schrei­ben etwas von dei­ner Fra­ge abge­kom­men, wer­de aber noch ein­mal wei­ter dar­über nach­den­ken.)
Jetzt end­lich zurück zu Cooper. Die Kul­tur­se­mio­tik der Gren­ze betrifft der Cooper-Fall nur indi­rekt. Es han­delt sich dabei durch­aus auch um eine Art Lieb­ha­ber­pro­jekt, des­halb wird es jetzt viel­leicht auch wirk­lich etwas ner­dy: Cooper hin­ter­ließ also sei­ne Kra­wat­te, ein paar Fin­ger­ab­drü­cke und ansons­ten kei­ne Spur. Das FBI ermit­telt seit eini­gen Jah­ren nicht mehr aktiv in dem Fall, dafür hat sich aber um den Palä­on­to­lo­gen Tom Kaye ein Netz­werk veri­ta­bler Nerds gebil­det, die den Fall wei­ter aus­for­schen. Sie konn­ten z. B. auf Coo­pers Kra­wat­te DNA-Mate­ri­al sicher­stel­len (von dem man aller­dings nicht sagen kann, ob es tat­säch­lich von ihm stammt) und Spu­ren von Titan und sel­te­nen Erden. Die­se fan­den in den 1970er Jah­ren angeb­lich allein im Flug­zeug­bau Ver­wen­dung, wes­halb man zu der Annah­me kam, Cooper habe bei Boe­ing gear­bei­tet.
Eine wei­te­re Spur ist der Ali­as, den er sich gab: Dan Cooper ist eigent­lich ein fik­ti­ver Test­pi­lot, der sich unter ande­rem auch durch wag­hal­si­ge Fall­schirm­sprün­ge aus­zeich­net. Es han­delt sich dabei um eine Figur aus einem bel­gi­schen Comic, was Anlass zu der Ver­mu­tung gab, Cooper sei (viel­leicht als Armee-Ange­hö­ri­ger) in Euro­pa gewe­sen. Die Cooper-Comics gab es angeb­lich aber auch in Kana­da, was ja von Seat­tle aus nicht weit ent­fernt liegt. Viel­leicht kam Cooper also von… tja, jen­seits der Gren­ze?
2011 ging eine mitt­ler­wei­le erwach­se­ne Frau mit der Behaup­tung an die Öffent­lich­keit, sie habe als acht­jäh­ri­ges Mäd­chen ihren bereits ver­stor­be­nen Onkel, L. D. Cooper, an jenem Ern­te­dank-Wochen­en­de 1971 dabei beob­ach­tet, die Köp­fe mit einem ande­ren Onkel kon­spi­ra­tiv zusam­men­zu­ste­cken. Spä­ter sei er mit Bles­su­ren und einem blu­ti­gen T-Shirt nach Hau­se gekom­men, auch sei er Fan der unwahr­schein­li­chen Comic­se­rie aus Bel­gi­en gewe­sen. Nach­ge­wie­sen wer­den konn­te wie immer nichts. Es gibt etli­che sol­cher Denun­zia­tio­nen und Wich­tig­tue­rei­en. Beim FBI sind zahl­lo­se Hin­wei­se ein­ge­gan­gen über Leu­te, die urplötz­lich zu Geld gekom­men waren und Coo­pers Phan­tom­bild ent­fernt ähnel­ten. Das Buch des füh­ren­den FBI-Ermitt­lers, Ralph P. Him­mels­bach, erwähnt meh­re­re sol­cher Hin­wei­se (selbst von­sei­ten erfah­re­ner Cops), denen er pflicht­be­wusst nach­ging: immer ins Lee­re. Him­mels­bach kann man auf You­Tube auch in eini­gen TV-Mit­schnit­ten sehen. Wäh­rend die Lösung des Fal­les immer unwahr­schein­li­cher wur­de, hat er sich anschei­nend eine neue Mis­si­on erteilt. So kämpft er mitt­ler­wei­le gegen die öffent­li­che Heroi­sie­rung Coo­pers zu einem gewief­ten Ver­bre­cher „that beat the sys­tem“ und ver­sucht dage­gen bei jeder Gele­gen­heit, aus sei­nem Täter­pro­fil die Cha­rak­te­ri­sie­rung eines „rot­ten, slea­zy crook“ her­zu­lei­ten. Him­mels­bach sieht hier einen kri­mi­nell vor­be­las­te­ten Täter am Werk, den wohl die Ver­zweif­lung zu einer Akti­on trieb, die genau­so wag­hal­sig wie unbe­hol­fen war: Die feh­len­de Schutz­klei­dung, der Aus­stieg bei Dun­kel­heit und Sturm, die uner­klär­li­che Wahl zwei­er min­der­wer­ti­ger Fall­schir­me, all dies spre­che gegen eine Glo­ri­fi­zie­rung Coo­pers.
Die Ver­mu­tung, Cooper habe den Sprung nicht über­lebt, liegt nahe. Man hat gro­ße Wald­ge­bie­te auf der Suche nach sei­nem Fall­schirm über­flo­gen: ver­geb­lich. (Viel­leicht, weil er ihn über­haupt nie hat­te öff­nen kön­nen.) Aller­dings konn­te Cooper spä­ter auch nie über Ver­miss­ten­an­zei­gen iden­ti­fi­ziert wer­den, was ent­we­der dafür spricht, dass er den Sprung doch über­lebt hat und Mon­tag wie­der zur Arbeit ging, oder dass er auch in den übri­gen Belan­gen sei­nes Lebens ein Phan­tom gewe­sen ist. Der Absprung­be­reich kann nur grob geschätzt wer­den und die Gegend ist ein schwer zugäng­li­ches und sehr dich­tes Wald­ge­biet. Eine groß ange­leg­te Such­ak­ti­on ließ von Cooper kei­ne Spur fin­den. Dar­aus folgt aber kei­nes­wegs, dass sei­ne Lei­che nicht doch irgend­wo zwi­schen Seat­tle und Port­land zu Staub zer­fal­len ist. (Aus­zu­schlie­ßen ist wohl ein­zig der Grund des Mer­win-Stau­sees, den ein fin­di­ger Schatz­su­cher mit einem eige­nen klei­nen U-Boot absuch­te. Er war anschei­nend der­art beses­sen von sei­ner die Absturz­stel­le betref­fen­den Theo­rie, dass er den immensen Auf­wand an Geld und Zeit aus eige­nen Mit­teln bestritt.)
1980 wur­den beim Aus­gra­ben einer Feu­er­stel­le von einem Jun­gen eini­ge Bün­del aus Coo­pers Löse­geld gefun­den. Sie waren stark ver­rot­tet, konn­ten aber durch die Seri­en­num­mern ein­deu­tig zuge­ord­net wer­den. Die Fund­stel­le an der Tina-Bar, einer belieb­ten Angel­stel­le am Colum­bia-River, ließ zuletzt dar­auf schlie­ßen, dass der frü­he­re Such­be­reich nicht zutref­fend kal­ku­liert wor­den war. Die ober­halb der Fund­stel­le lie­gen­den Zuflüs­se des Colum­bia, die das Geld ein­zig hat­ten anschwäm­men kön­nen, füh­ren in ein ande­res Gebiet, das nie genau abge­sucht wor­den war. Bald zehn Jah­re nach Coo­pers Ver­schwin­den wur­de kei­ne koor­di­nier­te Such­ak­ti­on mehr anbe­raumt.
Über die blo­ßen Tat­be­stän­de sei­nes Ver­schwin­dens geht die kul­tu­rel­le Signi­fi­kanz der Figur weit hin­aus. Für vie­le ist Coo­pers Sprung ein Sprung ins Unge­wis­se und damit ein unwi­der­steh­lich star­ker Anzie­hungs­punkt für die eige­ne Ein­bil­dungs­kraft. Die plau­si­blen, dämp­fen­den Ein­schät­zun­gen zu Coo­pers Cha­rak­ter und sei­nen Über­le­bens­chan­cen sto­ßen bei mir immer auf einen emo­tio­na­len Wider­stand. Etwas in mir wünscht sich, dass der Cooper-Sprung gelun­gen ist. Wenn auch nur, damit man ihm viel­leicht spä­ter doch noch auf die Schli­che kom­men kann. Und sei es in Gestalt Dale Bar­tho­lo­mew Coo­pers, der dann ja ganz à la Lynch die kom­ple­men­tä­re Figur des ihn ver­fol­gen­den FBI-Agen­ten ein­ge­nom­men hät­te. (Und der dann ja eine ande­re Gren­ze über­schrei­ten wird, näm­lich die­je­ni­ge zur „Black Lodge“. Auch Dale Cooper ist eine Figur, die ver­schwin­det.)
Ich glau­be, die Attrak­ti­on eines sol­chen Grenz­gän­gers ist in ers­ter Linie eine ästhe­ti­sche. Neu­gier paart sich mit pro­duk­ti­ver Ein­bil­dungs­kraft und jede, die sich mit dem Stoff beschäf­tigt, erfin­det dabei ihre eige­nen Geschich­ten. Ohne die­se poe­ti­sche Erfin­dungs­lust, die sich vom Unbe­kann­ten ange­zo­gen fühlt, wäre der Gren­ze bestimmt kei­ne sol­che mythi­sche Valenz zu eigen. Die Ambi­va­lenz die­ser emo­tio­na­len Invol­vie­rung liegt logi­scher­wei­se in ihrer Ten­denz zur Selbst­auf­he­bung. Die Gren­ze, hin­ter der das Unbe­kann­te liegt, ist zum Über­schrei­ten da. Und Cooper ist hof­fent­lich davon­ge­kom­men, damit man ihn fin­den kann. Solan­ge (also: für immer) bleibt er ein Mythos und für mei­ne Haus­ar­beit rele­vant.
Nun, Len­na, was die Fra­ge der poli­ti­schen Moti­va­ti­on mei­ner Aus­ein­an­der­set­zung mit dem The­ma der „Gren­ze“ anbe­langt, wür­de ich zunächst ein­mal ganz all­ge­mein sagen, dass es doch zur Bemü­hung jeg­li­chen Ver­ständ­nis­ses von poli­ti­schen, sozia­len und/oder lite­ra­ri­schen Gegen­warts­pro­zes­sen unab­ding­bar einer Auf­merk­sam­keit für die his­to­ri­schen Tie­fen­di­men­sio­nen bedarf, aus denen die­se Her­vor­ge­hen oder auf die sie ver­wei­sen. Das betrifft zum Bei­spiel seman­ti­sche Evo­lu­tio­nen und den Wan­del ideo­lo­gi­scher Tra­di­tio­nen.
Mei­ne Aus­ein­an­der­set­zung mit der „Fron­tier“ ist sicher­lich inso­fern poli­tisch moti­viert, als ich ange­sichts der aktu­el­len, poli­ti­schen Ent­wick­lung in den U.S.A. ver­su­che, mir etwas mehr Klar­heit über den Bruch inner­halb eines spe­zi­fi­schen, kol­lek­ti­ven Selbst­bil­des zu ver­schaf­fen, das mir für die Ver­ei­nig­ten Staa­ten immer grund­le­gend schien: näm­lich über den Bruch im Mythos der U.S.A. als Ein­wan­de­rungs­land, als „land of the free“, in dem jeder wer­den kann, wer er sein möch­te. Die Fron­tier scheint mir in die­ser Hin­sicht dadurch beson­ders inter­es­sant, dass sie als „Gren­ze“ ja pri­mär nicht als eine Abgren­zung von, son­dern viel­mehr eine Gren­ze hin zu ver­stan­den wur­de: als Öff­nung hin zu ‚oppor­tu­ni­ty‘ und Selbst­ver­wirk­li­chung – und genau die­se Dimen­si­on scheint end­gül­tig ver­lo­ren. (Viel­leicht ist sie auch schon frü­her ver­lo­ren gegan­gen, hat ihre Wir­kung längst ein­ge­büßt und erst jetzt mani­fes­tiert sich auf poli­ti­scher Ebe­ne die­ser seit spä­tes­tens 9/11 voll­zo­ge­ner Bruch im Selbst­bild der U.S.A. Davon erzählt doch auch die Serie Home­land, nicht wahr?)
Nun gut, das ist also mei­ne Moti­va­ti­on. Den­noch hal­te ich es nicht für zwin­gend nötig, die poli­ti­sche Groß­wet­ter­la­ge expli­zit zum Aus­gangs­punkt einer klei­nen Haus­ar­beit über Mad Men zu machen. (Kann man machen, wäre mir aber zu eitel.) Das Wis­sen, das ich dar­aus zie­he, wer­de ich viel­leicht an ande­rer Stel­le ein­mal öffent­lich ein­brin­gen kön­nen, damit auch ande­re davon pro­fi­tie­ren, das wäre mei­ne Hoff­nung. (Falls ihr mal über eine gute Akti­on lesen wollt, die aus geis­tes­wis­sen­schaft­li­chem Wis­sen her­vor­ge­hen kann, emp­feh­le ich euch die­sen Arti­kel: http://www.deutschlandfunkkultur.de/buendnis-fuer-kreuzvielfalt-an-bayerischen-hochschulen-das.2156.de.html?dram:article_id=419331 Über die poli­ti­sche Wirk­sam­keit braucht man sich auch hier kei­ne Illu­sio­nen machen, trotz­dem super!) Bis dahin tau­sche ich mich ein­fach wei­ter mit euch aus, das ist mir auch immer ein rie­si­ger Gewinn! Zum Bei­spiel fand ich es sehr inter­es­sant, anhand eurer Aus­füh­run­gen zu Manon Les­caut noch ein­mal ganz klar zu sehen, dass auch der Go-West-Mythos eine Geschich­te hat, dass näm­lich New Orleans unter fran­zö­si­scher Lei­tung nicht als Ort der Selbst­ver­wirk­li­chung, son­dern als Straf­ko­lo­nie geführt wur­de (ganz ähn­lich der Funk­ti­on, in der die Eng­län­der Aus­tra­li­en benutzt haben). Dan­ke für die­se Ein­sicht!
Alex­an­der, du wirst dich mit Blick auf die Fort­set­zung der Geschich­te noch ein wenig gedul­den müs­sen, ich kom­me hof­fent­lich mor­gen dazu, dir dar­auf zu ant­wor­ten! Bis dahin muss ich noch ein paar kur­ze Kom­men­ta­re los­wer­den: Hat etwa kei­ner von euch Bad Banks gese­hen? „Natur ist das aso­zi­als­te Sys­tem, das es gibt. Dage­gen ist Kapi­ta­lis­mus die Wohl­fahrt.“ Jana Lie­kam ist die Bes­te (mit ganz gro­ßem B), so toll! (Bald hof­fent­lich mehr dazu!) Mit dei­nen Urlaubs­plä­nen kann ich dir lei­der nicht hel­fen, Len­na, ich wer­de für drei Wochen auf einen Sprach­kurs nach La Rochel­le fah­ren und hin­ter­her direkt wei­ter auf eine Som­mer­aka­de­mie („Jen­seits der Fik­ti­on? Auto­bio­gra­phie und Auto­fik­ti­on in der euro­päi­schen Gegen­warts­li­te­ra­tur“). Viel­leicht kom­me ich dich ja aber danach mal wie­der für ein paar Tage in Ber­lin besu­chen, bevor mein Umzug ansteht! Ach, und Alex­an­der! Ich habe das Wort „unzy­nisch“ eher illus­tra­tiv benutzt und hat­te kei­ne Ver­all­ge­mei­ne­rung auf „das Ver­hält­nis von Zynis­mus und Gemein­schaft“ beab­sich­tigt. Da dich die­ses The­ma ja aber irgend­wie anzu­spre­chen scheint, bin ich gespannt, was du noch dazu zu sagen hast.
Also, ich fin­de die Geschich­te schon ein biss­chen span­nend, muss ich sagen. Wie geht sie denn wei­ter, Sido­nie? Wenn Cooper bei solch schlech­ten Wet­ter­be­din­gun­gen aus dem Flug­zeug gesprun­gen ist, dann wird er doch wohl am aller­wahr­schein­lichs­ten töd­lich ver­un­glückt sein. Hat man sei­ne Lei­che denn nie gefun­den? (Du bist mir übri­gens auch noch eine Ant­wort auf die Fra­ge des Zynis­mus und der Gemein­schaft „schul­dig“!)
In Hin­blick auf dei­ne Seri­en­aus­wahl, Len­na, wür­de ich dir wei­test­ge­hend zustim­men. Dass du Im Ange­sicht des Ver­bre­chens mit auf­ge­nom­men hast, rech­ne ich dir sehr hoch an. Es ist wirk­lich scha­de, dass die­se Serie der­ma­ßen in Ver­ges­sen­heit gera­ten ist. (Allein die­ses schier uner­schöpf­li­che Reper­toire an wei­sen Sprü­chen: „Dat Leben is kurz, die Tage sind lang.“) Wenn ich mich rich­tig erin­ne­re, habe ich irgend­wann ein­mal irgend­wo gele­sen, dass die Pro­duk­ti­ons­fir­ma mit der ers­ten Staf­fel insol­vent gegan­gen ist und es des­halb wohl kei­ne Fort­set­zung geben wird. Domi­nik Graf war der Zeit – also: der ja immer etwas ver­schla­fe­nen Zeit in Deutsch­land – viel­leicht zu sehr vor­aus. Heu­te hät­te er sicher­lich das dop­pel­te Bud­get zur Ver­fü­gung. (Ohne, dass die Serie mehr bräuch­te. Ich will übri­gens auch gar nicht wis­sen, wie­viel Koh­le mitt­ler­wei­le für so einen Schund wie Ku’damm 56 oder Ber­lin Baby­lon aus dem Fens­ter gewor­fen wird.)
Was denkst du – oder was denkt ihr alle – eigent­lich über die Neu­auf­la­ge von Twin Peaks? (Weil Len­na vom „Myste­ry Chan­nel“ gespro­chen hat: Wie­so ist die Myste­ry-Ebe­ne in Twin Peaks eigent­lich um soviel erträg­li­cher als (zum Bei­spiel) in so unan­ge­nehm gehyp­ten Schrott­se­ri­en wie Stran­ger Things, Dark oder Zone Blan­che?)
In Sachen Urlaub: Ich wer­de mich auf jeden Fall den gesam­ten August in Rich­tung Sud Ouest abset­zen. Aber das ist nun ja noch eine gan­ze Wei­le hin. Woll­test du nicht zusam­men mit Eder nach Bil­bao flie­gen?
Ent­schul­digt, aber bin ich hier im Myste­ry Chan­nel gelan­det? (Zuerst dach­te ich ja, dei­ne Les­art von Man Men anhand der „Gren­ze“ sei poli­tisch moti­viert, aber irgend­wie klingt die­se Geschich­te dann plötz­lich doch eher ner­dy. Trotz­dem schö­nes The­ma, Sido­nie!)
Ich muss ja geste­hen, dass ich Mad Men gar nicht zu Ende geschaut habe. Am Anfang hat mir die Serie wirk­lich Spaß gemacht: die­ser Spi­rit der Ver­füh­rung, der Visio­nen und (Ent-)Täuschungen. Nach Staf­fel drei oder vier war aber ein­fach die Luft raus. Irgend­wann habe ich noch ein­mal irgend­ei­ne spä­te­re Staf­fel (ich glau­be, es war die fünf­te) ange­fan­gen, dann aber gelang­weilt aus­ge­schal­tet: der depres­si­ve Don Dra­per auf Hawaii, der an irgend­ei­ner frem­den Hoch­zeit teil­nimmt, der depres­si­ve Don Dra­per zurück in New York, der eine sui­zi­da­le Wer­bung ent­wirft. Das war mir alles zu zäh. (Aus den spä­te­ren Staf­feln habe ich nur noch Screen­shots von die­sen gan­zen schlim­men late 60s, ear­ly 70s-Kla­mot­ten und -Fri­su­ren gese­hen und war heil­froh, mir die­se sti­lis­ti­sche Ver­falls­ge­schich­te nicht län­ger ange­tan zu haben. Don Dra­per bei irgend­wel­chen Eso-Hip­pies: dar­auf kann ich gut und ger­ne ver­zich­ten.)
Habt ihr eigent­lich auch das Gefühl, dass die Luft in Sachen Seri­en ins­ge­samt so lang­sam ein wenig raus ist? Frü­her gab es Twin Peaks, The Sopra­nos, The Wire, Im Ange­sicht des Ver­bre­chens, dann mei­net­we­gen eini­ge Staf­feln Mad Men, die ers­te Staf­fel Home­land, die ers­te Staf­fel Trans­pa­rent und zuletzt viel­leicht noch Mr. Robot. Das ver­liert sich aber inmit­ten einer völ­li­gen Über­pro­duk­ti­on, die (zumin­dest bei mir) mit einer gewis­sen Über­sät­ti­gung ein­her­geht. Groß­ar­ti­ge, for­ma­le Inno­va­tio­nen erwar­te ich mir da momen­tan kaum noch.
OK, dann habe ich zuletzt noch eine ande­re Fra­ge an euch: Hat jemand eine Idee, wohin ich die­sen Som­mer in den Urlaub fah­ren könn­te?
Ich sag’s ja: ich glau­be auch nicht an die­se Theo­rie. (Obwohl es in Mad Men vie­le moti­vi­sche Andeu­tun­gen in die­se Rich­tung gibt. Denk allein an das letz­te Mee­ting vor Dons Ver­schwin­den: wäh­rend er ner­vös zuhört, glei­tet sein Blick aus dem Fens­ter auf ein vor­bei­zie­hen­des Flug­zeug. Dann der Geist von Bert Cooper, der Don erscheint: Don Bert Cooper: D. B. Cooper (Dan Cooper wird manch­mal auch als D. B. Cooper über­lie­fert, des­halb auch: Dale Bar­tho­lo­mew Cooper). Don Dra­per und Dan Cooper ähneln sich in Typus und Auf­tritt, usw. usf.)
Die Geschich­te von Dan Cooper ist aber auch an sich schon span­nend genug. Es han­delt sich dabei näm­lich um den Fall einer ‚erfolg­rei­chen‘ Flug­zeug­ent­füh­rung, der ein­zi­gen, die nie­mals auf­ge­klärt wer­den konn­te. (Fest­hal­ten, jetzt wird es span­nend!) Trotz minu­tiö­ser und äußerst auf­wen­di­ger Poli­zei­ar­beit konn­te kei­ne Spu­ren ans Licht gebracht wer­den, die über die unmit­tel­ba­ren Tat­be­stän­de des Ver­bre­chens selbst hin­aus­gin­gen. Nie­mand: kein Taxi­fah­rer, kei­ne Rezep­tio­nis­tin, kein Kas­sie­rer hat­te den Mann gese­hen oder gar gespro­chen, der im Novem­ber 1971 am Flug­ha­fen der Stadt Port­land ein Flug­ti­cket für einen Kurz­stre­cken­flug nach Seat­tle kauf­te. In sein Flug­ti­cket, das er bar bezahl­te, ließ er den Namen „Dan Cooper“ ein­tra­gen. Wei­te­re Iden­ti­fi­ka­tio­nen oder Kon­trol­len waren nicht vor­ge­se­hen. (Ich den­ke, man muss an die­ser Stel­le erwäh­nen, dass Flug­zeug­ent­füh­run­gen zu die­ser Zeit ein neu­ar­ti­ges Phä­no­men waren und die meis­ten als poli­ti­sche Demons­tra­ti­on von Leu­ten zu betrach­ten wur­den, die sich in das von den U.S.A. mit einem Embar­go beleg­te Kuba abzu­set­zen ver­such­ten.) Bereits Coo­pers Ein­satz einer „non-direc­tio­nal wea­pon“ (einer Bom­be, die sich spä­ter als Attrap­pe erwies) galt als ‚Pio­nier­leis­tung‘ gegen­über kon­ven­tio­nell bewaff­ne­ten Flug­zeug­ent­füh­rern, die zuvor mehr­fach von Crews und Sky Mar­shalls über­wun­den wer­den konn­ten. Auch Coo­pers For­de­rung von 200.000 Dol­lar und vier Fall­schir­men – Flug­zeug­ent­füh­rung als heist-Plot – war ein novum. Der gan­ze Fall traf die Behör­den und die Öffent­lich­keit unvor­be­rei­tet und Teil der Fas­zi­na­ti­on und auch der unge­bro­che­nen Sym­pa­thie für Cooper erklärt sich wohl dar­aus, dass er etwas völ­lig Neu­es erson­nen und durch­ge­zo­gen hat.
In Seat­tle hat­te Cooper die etwa drei­ßig ande­ren Pas­sa­gie­re gegen das Geld und die Fall­schir­me aus­ge­tauscht und das Flug­zeug betan­ken las­sen. Kaum hat­te die Maschi­ne den Weg nach Süden ange­tre­ten – vor­geb­lich woll­te Cooper über die Gren­ze nach Mexi­ko flie­hen – befahl er der Crew, die Flug­hö­he und die Geschwin­dig­keit zu ver­rin­gern und ihn in der Kabi­ne allein zu las­sen. Abge­se­hen von Geheim­agen­ten, Pilo­ten und Flug­zeug­in­ge­nieu­ren wuss­te eigent­lich nie­mand, dass die mit einer eige­nen Trep­pe ver­se­he­ne Heck­lu­ke einer Boe­ing 727 auch wäh­rend des Flu­ges zu öff­nen ist. Cooper wuss­te dies. Er band die etwa zehn Kilo schwe­re Tasche mit den 10.000 regis­trier­ten 20-Dol­lar-Schei­nen, die er erhal­ten hat­te, um sei­nen Kör­per, wähl­te zwei der vier Fall­schir­me aus (wobei er kei­nes­wegs die bes­ten nahm) und begab sich zum Heck des Flug­zeugs. Es war auf­grund vie­ler Ver­zö­ge­run­gen mitt­ler­wei­le tief­dunk­le Nacht und ein schwe­rer Herbst­sturm rüt­tel­te an der rela­tiv klei­nen Ver­kehrs­ma­schi­ne. Der Lärm der direkt am Flug­zeug­rumpf ange­brach­ten Tur­bi­nen muss­te ohren­be­täu­bend sein, die Tem­pe­ra­tur war unter null. Cooper trug einen schwar­zen Busi­ness-Anzug, Trench­coat und Loafer. Weder hat­te er Hand­schu­he noch Helm, sei­ne Ansteck-Kra­wat­te ließ er im Flug­zeug zurück, als er sprang.
Nun gut, Sido­nie, dar­über kön­nen wir uns ger­ne ein­mal bei ande­rer Gele­gen­heit unter­hal­ten. Gera­de habe ich erst ein­mal ein paar Gedan­ken und Fra­gen, die an dei­ne Aus­füh­run­gen zu Mad Men und Tur­ner anschlie­ßen.
Zum einen ver­ste­he ich nun end­lich den Unter­ti­tel des Films Star Trek: The Final Fron­tier bes­ser. Die Fron­tier ist hier von der Erde ins All ver­legt, was aller­dings mit einer gewal­ti­gen Ver­schie­bung ein­her­geht oder die­se pro­vo­ziert: Die Erkun­dung und Erschlie­ßung des Rau­mes „jen­seits“ der Fron­tier ist näm­lich kein Pro­jekt für Indi­vi­du­en mehr, son­dern nur von der gesam­ten mensch­li­chen „Gemein­schaft“ (und der Föde­ra­ti­on) zu bewerk­stel­li­gen. Dabei fällt mir noch ein, dass es doch auch bei Mad Men am Ende die­ses Moment der Gemein­schaft gibt, als alle zusam­men im Fern­se­hen die Mond­lan­dung ver­fol­gen. (Dar­aus ent­steht dann doch auch die Wer­be­i­dee für die­sen Bur­ger­la­den.)
Zum ande­ren habe ich mich gefragt, wor­auf du mit dem Hin­weis auf die Fra­ge des Zynis­mus hin­aus­willst. Meinst du, dass heu­te klar ist, dass die­se gan­ze Hip­pie-Seman­tik der „Erfah­rung von Gemein­schaft“ bloß die ideo­lo­gi­sche Kulis­se („Ideo­lo­gie“ hier ganz im Sin­ne eines „not­wen­dig fal­schen Bewußt­seins“) für bru­tal berech­ne­te Stra­te­gi­en der Selb­st­op­ti­mie­rung gibt? Ich muss­te an die­sem Punkt auch an ein Gespräch den­ken, das ich ein­mal auf dem Weg zum Flug­ha­fen in der Regio­nal­bahn mit­ge­hört habe. Eine Grup­pe von Arbeits­kol­le­gin­nen und —kol­le­gen befand sich auf dem Weg in ein „Team Retre­at“ und tausch­te sich laut­hals über Pool­tem­pe­ra­tu­ren und Mas­sa­ge­ter­mi­ne aus. Das „Retre­at“ scheint längst im Bereich der „Team­buil­ding-Maß­nah­men“ (trau­ri­ges Wort, trau­ri­ge Welt) ange­kom­men.
Zuletzt noch die Fra­ge: Ist Don Dra­per am Ende der Serie nicht Mul­ti­mil­lio­när? War­um soll­te er also ein Flug­zeug über­fal­len?
Wenn ich Alex­an­ders letz­ten Bei­trag lese und dann Len­nas Behaup­tung dane­ben hal­te, ihr hät­tet in den letz­ten Jah­ren alles euch betref­fen­de schon geklärt, dann wer­de ich den Ver­dacht nicht los, dass min­des­tens einer von euch doch noch Rede­be­darf hat. Wenn ihr mal in mei­ne Sprech­stun­de kom­men wollt, sagt Bescheid.
Dan­ke auf jeden Fall für die Aus­füh­run­gen. Was die „Gren­zen“ und Ame­ri­ka betrifft habe ich vor allem gefragt, weil ich gera­de an einer Haus­ar­beit über Man Men schrei­be, ins­be­son­de­re über Donald Dra­pers Rei­se von New York über Wis­con­sin, Min­ne­so­ta, Okla­ho­ma und Utah nach Cali­for­ni­en (7. Staf­fel). Ich ver­fol­ge die­ses Motiv auf zwei Ebe­nen. Zum einen beschäf­ti­ge ich mich damit gewis­ser­ma­ßen auf ide­en­ge­schicht­li­cher Ebe­ne. Mein pri­mä­rer Bezugs­punkt ist dabei Fre­de­rick Jack­son Tur­ner, der in einer Rei­he von Auf­sät­zen zur Signi­fi­can­ce of the Fron­tier in Ame­ri­can Histo­ry (1893) ver­sucht hat, eine Art von geo­po­li­ti­scher Eman­zi­pa­ti­ons­ge­schich­te Ame­ri­kas zu erzäh­len. Im Unter­schied zu den euro­päi­schen Gren­zen, die zwi­schen dicht bei­ein­an­der sie­deln­den Völ­kern lie­fen, habe jen­seits der his­to­ri­schen, ame­ri­ka­ni­schen Fron­tier „free land“ gele­gen — und obwohl Tur­ner die Fron­tier des­halb als „mee­ting point bet­ween sava­ge­ry and civi­li­za­ti­on“ bezeich­net, betont er das Frei­heits­ver­spre­chen, das in der Mög­lich­keit eines Aus­stiegs aus der Zivi­li­sa­ti­on und den mit dem Vor­rü­cken der Fron­tier immer wie­der neu eta­blier­ten For­men der Ver­ge­sell­schaf­tung lag. Zwei sei­ner zen­tra­len Begrif­fe sind dabei die­je­ni­gen der „oppor­tu­ni­ty“ und des „self-made man“:
„The self-made man was the Wes­tern man’s ide­al, was the kind of man that all men might beco­me. Out of his wil­der­ness expe­ri­ence, out of the free­dom of his oppor­tu­nities, he fashio­ned a for­mu­la for soci­al rege­ne­ra­ti­on – the free­dom of the indi­vi­du­al to seek his own.“
Die Gren­ze zwi­schen Wild­nis und Zivi­li­sa­ti­on ist viel­leicht das ursprüng­li­che, nicht aber das ein­zi­ge kul­tu­rel­le Signi­fi­kat, an dem sich die ame­ri­ka­ni­sche Mythi­sie­rung des Pio­nier­da­seins ent­zün­det. Tur­ner hat in Gestalt der Gren­ze ein zutiefst ame­ri­ka­ni­sches Sym­bol behan­delt, das die umfas­sen­de­re Idee des Neu­be­ginns reprä­sen­tiert – dar­in liegt die eigent­li­che Funk­ti­on der Gren­ze, wes­halb Wild­nis auch kein Selbst­zweck ist, son­dern nur der Anlass für neue Zivi­li­sa­ti­on. Das ändert nichts dar­an, dass jen­seits der Gren­ze ein Ort liegt, des­sen Ver­hei­ßung wesent­lich nega­tiv ist: Hier sind die his­to­ri­schen Wider­sprü­che des alten Kon­ti­nents ihrer Wirk­sam­keit erho­ben, Moral, Reli­gi­on und Arbeit kön­nen in Abwe­sen­heit poli­ti­scher und kle­ri­ka­ler Insti­tu­tio­nen end­lich frei ent­fal­tet und zum Erblü­hen gebracht wer­den. Mir fällt auf, dass die­ses spe­zi­ell ame­ri­ka­ni­sche Uto­pie­den­ken kei­ne genui­ne Sozi­al­uto­pie ent­wirft, son­dern die Ver­wirk­li­chung des eigent­li­chen Lebens eine Erwar­tung ist, die sich voll und ganz an Indi­vi­du­en rich­tet, die an einem (ver­meint­lich) neu­en und von der Zivi­li­sa­ti­on noch nicht kor­rum­pier­ten Ort ganz von vorn begin­nen.
Hat die ame­ri­ka­ni­sche Land­nah­me dann aber die West­küs­te erreicht, muss der ter­ri­to­ria­le, mani­fes­te Gehalt der Gren­ze in etwas Ande­res über­setzt wer­den. Noch immer kann ein ame­ri­ka­ni­sches Leben – in Mad Men wird dies mehr­fach dra­ma­tur­gisch gebraucht – den Blick nach Wes­ten rich­ten und hof­fen, in Kali­for­ni­en den unlös­ba­ren Ver­stri­ckun­gen des eige­nen Lebens zu ent­flie­hen und noch ein­mal neu zu begin­nen. Die sym­bo­li­schen Gehal­te der Gren­ze zwi­schen Zivi­li­sa­ti­on und Wild­nis ist aber nur noch indi­rekt aktiv, in Moti­ven und mytho­poe­ti­schen Sub­struk­tu­ren, die ich gern genau­er unter­su­chen möch­te.
Das Fina­le von Mad Men insze­niert z. B. eine Art Kom­mu­ne, die direkt an der Pazi­fik­küs­te ein spi­ri­tu­el­les Retre­at betreibt. Ich bin im Nach­hin­ein ziem­lich beein­druckt, wie sou­ve­rän das erzäh­le­risch bear­bei­tet wor­den ist, indem man einer­seits genug Kli­schees eso­te­ri­scher Hoch­sta­pe­lei hat anklin­gen las­sen, ande­rer­seits aber die Ernst­haf­tig­keit der spi­ri­tu­el­len und bio­gra­phi­schen Not­la­ge der­je­ni­gen mit­er­zählt, die sich zu einer Zeit in einem sol­chen Guru-Res­sort ein­fan­den, als die­ses Sinn­an­ge­bot noch rela­tiv neu war und unzy­nisch in Betracht gezo­gen wer­den konn­te. Nicht zufäl­lig flüch­tet sich Don Dra­pers ‚Nich­te‘ an die­sen Ort aus Anlass von Ver­ar­mung und Schwan­ger­schaft, den bei­den ursprüng­li­chen Pla­gen Dons und Peg­gys. Letzt­lich wer­den die kali­for­ni­schen Reve­ri­en aber auf allen Ebe­nen ein­kas­siert und in das kapi­ta­lis­ti­sche Groß­pro­jekt reinte­griert, wofür ja auch das Ende der Serie steht: Aus­ge­hend von Erfah­run­gen in Medi­ta­ti­on, ‚alter­na­ti­ven‘ Lebens­for­men und Inter­kul­tu­ra­li­tät hat Don den Geis­tes­blitz für den nächs­ten Para­dig­men­wech­sel in der Wer­bung.
Im Lau­fe mei­ner Recher­chen zu Mad Men bin ich auf eine ‚Figur‘ gesto­ßen, anhand derer die mythi­sche Funk­ti­on der Gren­ze eben­falls in eine nach-ter­ri­to­ria­le sym­bo­li­sche Ord­nung über­setzt wird. Man­che behaup­ten, es han­de­le sich bei Mad Men um die Vor­ge­schich­te eines gewis­sen Dan Cooper – ein moder­ner folk hero der 1971 mit einer Tasche voll Geld aus einer flie­gen­den Pas­sa­gier­ma­schi­ne sprang und für immer ver­schwand. Ich glau­be zwar nicht so recht an die Theo­rie, Don Dra­per sei Dan Cooper, aber allein die Tat­sa­che, dass „My Spe­cial Agent“ Dale Cooper aus Twin Peaks eben­falls auf die­se Figur ver­weist, macht sie unfass­bar inter­es­sant!
Nun, wie ich bereits ange­deu­tet hat­te, wird Manon zur Bestra­fung nach Ame­ri­ka ver­schifft und Des Grieux, der sich durch sei­ne Lie­be an sie „geket­tet“ glaubt, folgt ihr. Mit einem Frei­heits­nar­ra­tiv ist das in die­sem Sin­ne nicht ver­bun­den, zumal New Orleans als ein sehr schlich­ter und stren­ger Ort beschrie­ben wird. Der ein­zi­ge Unter­schied besteht zunächst dar­in, dass die bei­den sich gegen­über dem Vor­ste­her der Kolo­nie als Ehe­paar aus­ge­ben und dadurch für eine Wei­le „in gere­gel­ten Ver­hält­nis­sen“ ihre Lie­be frei aus­le­ben kön­nen: „C’est au Nou­vel-Orléans qu’il faut venir, disais-je sou­vent à Manon, quand on veut goû­ter les vrai­es douce­urs de l’amour. C’est ici qu’on s’aime sans inté­rêt, sans jalou­sie, sans incon­s­tan­ce. Nos com­pa­trio­tes y vien­nent cher­cher de l’or ; ils ne s’imaginent pas que nous y avons trou­vé des tré­sors bien plus esti­m­a­bles.“ (Des Grieux bekommt sogar eine Anstel­lung, die bei­den kön­nen sich Haus­an­ge­stell­te leis­ten, usw.) Das bricht erst zusam­men, als sie tat­säch­lich hei­ra­ten wol­len und sich in die­ser Absicht dem Vor­ste­her offen­ba­ren: der möch­te Manon nun näm­lich einem Ver­wand­ten zur Frau geben, der bereits ein Auge auf sie gewor­fen hat­te. Des Grieux und sein Kon­kur­rent schla­gen sich im Duell, anschlie­ßend ver­su­chen Des Grieux und Manon in die Wild­nis zu flie­hen und sich bis zu den Eng­län­dern durch­zu­schla­gen. Manon stirbt jedoch auf dem Weg. Nein, von Frei­heit im Wes­ten ist hier kei­ne Spur.
Len­na, du fragst dich in Bezug auf die Rah­men­hand­lung, war­um ein Mann aus der Mit­te der Gesell­schaft am Schick­sal solch „infa­mer Men­schen“ teil­nimmt. Aber das wird doch ganz klar gesagt: er erkennt in Manon und Des Grieux Men­schen, die sei­nem eige­nen Milieu ent­stam­men, sonst wür­de er sich auch gar nicht wei­ter für sie inter­es­sie­ren. Als er zum ers­ten Mal Manon erblickt, heißt es: „…il y en avait une dont l’air et la figu­re étai­ent si peu con­for­mes à sa con­di­ti­on, qu’en tout aut­re état je l’eusse pri­se pour une per­son­ne du pre­mier rang.“ Nur, weil Manon der­art aus der Grup­pe von „fil­les de joie“ her­aus­sticht, emp­fin­det er „du respect et de la pitié.“ Ganz ähn­lich heißt es über Des Grieux: „Je n’ai jamais vu de plus vive image de la dou­leur. Il était mis fort sim­ple­ment ; mais on dis­tin­gue, au pre­mier coup d’œil, un hom­me qui a de la nais­sance et de l’éducation. […] Il se leva ; et je décou­vris dans ses yeus, dans sa figu­re et dans tous ses mou­ve­ments, un air si fin et si noble que je me sen­tis por­té natu­rel­le­ment à lui vou­loir du bien.“ Um einen „Pakt der Freund­schaft“ geht hier nun wirk­lich nicht, son­dern um Rang- und Klas­sen­zu­ge­hö­rig­keit.
Damit möch­te ich das von dir, Len­na, zum Zusam­men­hang von Freund­schaft und Erzäh­len geschrie­be­ne kei­nes­wegs schmä­lern, das fin­de ich wirk­lich wich­tig und berei­chernd. Mir ging es aber tat­säch­lich um etwas ande­res: es hat mich ein­fach so umge­hau­en, dass Des Grieux‘ Freund Tiber­ge, den er immer wie­der um Geld betro­gen hat, ihm von Frank­reich aus nach Ame­ri­ka hin­ter­her­reist, um ihn zu fin­den und zu ret­ten. Dass Des Grieux sich auf­grund sei­ner Amour fou zusam­men mit Manon ein­schif­fen lässt, ist ein Akt der Unfrei­heit. Als Freund reist Tiber­ge ihm aber aus viel freie­ren Stü­cken nach. Das ver­langt so viel und ist des­halb auch viel grö­ßer als die Lie­be zwi­schen Des Grieux und Manon! Und es macht auch mal wie­der klar: dass man oft­mals nicht nur auf­grund, son­dern immer auch trotz bestimm­ter Eigen­schaf­ten mit bestimm­ten Per­so­nen befreun­det ist. Die Lie­be ver­deckt die­se Tat­sa­che (das meint man doch, wenn man sagt: „Lie­be macht blind.“), Freund­schaft geht mit ihr um.
„La discré­ti­on est la pre­miè­re des ver­tus; on lui doit bien des instants de bon­heur.“ — Die­sen wun­der­ba­ren Satz aus Point de len­de­main vor­weg zitiert, muss ich sagen, dass ich mich ein wenig über die Geschich­ten, die ihr da erzählt, wun­de­re. Ich selbst zumin­dest habe die­se Ver­an­stal­tun­gen immer als kom­plett ase­xu­ell und völ­lig ver­klemmt emp­fun­den, dafür aber fach­lich als aus­ge­spro­che­ne Berei­che­rung. (Viel­leicht habe ich dort auch ein­fach aus ande­ren Moti­ven (von weni­ger Nöten gejagt) teil­ge­nom­men, wer weiß.) Von der Poe­tik der Dau­er­erre­gung eines Vivant Denon war das in mei­ner per­sön­li­chen Erfah­rung zumin­dest weit ent­fernt. (Was nicht bedeu­ten soll, dass ich kei­nen Spaß hat­te.)
Was Point de len­de­main selbst betrifft, bin ich erstaunt, wie stark das von dir, Felix, dazu im Kon­text von Luh­mann notier­te, hier expli­zit the­ma­tisch wird. Ich den­ke da vor allem an die­se Stel­le:
„Cepen­dant la con­ver­sa­ti­on chan­gea d’objet: elle dev­int moins séri­eu­se. On osa même plais­an­ter sur les plai­sirs de l’amour, l’analyser, en sépa­rer le moral, le rédu­i­re au simp­le, et prou­ver que les faveurs n’étaient que du plai­sir; qu’il n’y avait d’engagement (phi­lo­so­phi­que­ment par­lant) que ceux que l’on con­trac­tait avec le public, en lui lais­sant péné­trer nos secrets, et en com­met­tant avec lui quel­ques indiscré­ti­ons.“
Am tolls­ten fand ich defi­ni­tiv die bei­den Frau­en­fi­gu­ren, also die Com­tesse und Madame de T…, die ja anschei­nend alle Fäden in der Hand hal­ten und dabei die Gunst, die sie den Män­nern gewäh­ren, nach Maß­ga­be der Befrie­di­gung ihrer eige­nen Bedürf­nis­se ver­tei­len. Den­noch muss ich sagen, dass mir die­se Form der Erzäh­lung einer ein­zel­nen Nacht auf nicht mehr als 40–50 Sei­ten zu limi­tiert oder sogar iso­liert ist. Ent­schul­digt, wenn ich etwas zu stark aus heu­ti­ger Per­spek­ti­ve argu­men­tie­re, aber wie ihr wisst, drängt sich bei mir alles immer in Rich­tung des Romans. Und alles, was hier über sozia­le Kon­ven­tio­nen und die Dyna­mi­ken der Unge­wiss­heit erzählt wird, wür­de im Roman eben kaum mehr als eine Epi­so­de aus­ma­chen, um die her­um noch tau­sen­de, erzäh­le­ri­sche Spie­gel auf­zu­stel­len wären, in denen sich das Erzähl­te unend­lich bricht und wie­der­holt und dabei immer rei­cher wird. (So wie bei Proust.)
Aus dem, was Alex­an­der und Len­na geschrie­ben haben, scheint mir Manon Les­caut im Ver­gleich inter­es­san­ter. Ich habe das Buch selbst noch nicht gele­sen (ihr legt mir hier wirk­lich so unglaub­lich vie­le tol­le Sachen nahe, dass ich kaum mit dem Lesen hin­ter­her­kom­me), des­halb woll­te ich fra­gen, ob mir jemand etwas Genaue­res über die­se Epi­so­de in Ame­ri­ka erzäh­len kann. Geht es dabei allein um das Motiv der Bestra­fung im Exil oder ist das auch schon mit der Erzäh­lung der Frei­heit im Wes­ten ver­bun­den? Das wäre ja viel­leicht in Hin­blick auf die Ver­schie­bung der „Gren­ze“, von der Len­na geschrie­ben hat, noch ein­mal inter­es­sant.
Mein lie­ber Alex­an­der, was uns betrifft, haben wir in den letz­ten Jah­ren ja schon über alles gere­det. Als Zei­chen unse­rer lang­jäh­ri­gen Freund­schaft möch­te ich dir des­halb an die­ser Stel­le ledig­lich eini­ge Über­le­gun­gen zur Fra­ge nach dem Zusam­men­hang von Erzäh­len und Freund­schaft wid­men, die an die Beob­ach­tun­gen zu Manon Les­caut anschlie­ßen, die du neu­lich skiz­ziert hast. (Nicht uner­wähnt las­sen möch­te ich aller­dings, dass ich es ja durch­aus etwas kli­schiert fin­de, dass du eine Fla­sche Schnaps mit dir durch die Gegend getra­gen hast, um über unse­re Tren­nung hin­weg­zu­kom­men. Ich ver­bu­che das ein­fach mal ent­schul­di­gend unter dei­ner dama­li­gen Jugend.)
Die Rah­men­hand­lung von Manon Les­caut ist tat­säch­lich bemer­kens­wert. Gera­de weil sie von der Hand­lung des Romans wenig tan­giert ist, stellt sich mir die Fra­ge, wor­in eigent­lich die Funk­ti­on besteht, dass ein unbe­tei­lig­ter Amts­trä­ger aus der Mit­te der Gesell­schaft am Leben der­art infa­mer Men­schen Anteil nimmt.
Für Des Grieux scheint Lie­be ja ein Pro­zess akti­ver Selbst­zer­stö­rung, des­halb fra­ge ich mich, wel­che Lei­den­schaft hier eigent­lich erzählt wird: eine ero­ti­sche oder die­je­ni­ge einer Aus­lö­schungs­lust? Der Roman beginnt jeden­falls mit Moti­ven der Gefan­gen­schaft und bei­den die­sen Lei­den­schaf­ten kann ja auch ein Moment von Befrei­ung inne­woh­nen – Befrei­ung von Kon­ven­tio­nen und Ord­nungs­prin­zi­pi­en des gesell­schaft­li­chen Lebens, Befrei­ung aber auch von den ernied­ri­gen­den Not­wen­dig­kei­ten und For­de­run­gen der Selbst­er­hal­tung. Manon ist die Ver­kör­pe­rung einer fast über­mensch­li­chen Amo­ra­li­tät (mehr als ein Jahr­hun­dert vor Nietz­sche!), dar­in liegt ihre Grö­ße und ihre Fas­zi­na­ti­on, die Des Grieux mit der Kraft des Obses­si­ven an sie ket­tet.
Ben­ja­min hat in sei­nem Erzäh­ler-Essay an den Erzähl­an­lass der alt­eu­ro­päi­schen Epik erin­nert, der näm­lich dar­in besteht, dass ein Held ins Unbe­kann­te reist und dem Publi­kum durch den Epi­ker von die­ser Frem­de berich­tet wird. Ist es nicht so, dass mit dem moder­nen Roman der Erzähl­an­lass nicht mehr im Frem­den der räum­li­chen Distanz liegt, son­dern das Erzäh­len von jen­seits der Gren­ze nun eine sitt­li­che Gren­ze meint? Der Held ist immer noch eine trans­gres­si­ve Figur, über­tritt aber gesell­schaft­li­che Kon­ven­tio­nen und mora­li­sche Geset­ze.
Die Figur des Freun­des kann man des­halb auch als poe­to­lo­gi­sche Meta­pher für das Erzäh­len der­ar­tig sitt­lich-trans­gres­si­ver Roma­ne auf­fas­sen: Gegen­über dem Prot­ago­nis­ten ver­kör­pert er eine Art mora­li­schen Kre­dit­ge­ber (tat­säch­lich gibt er ihm ja auch Geld) und damit viel­leicht auch die inhä­ren­te mora­li­sche Ambi­va­lenz des Lesens/Zuhörens einer Geschich­te ins­ge­samt. Denn for­dert nicht jede – gut erzähl­te – Geschich­te ein freund­schaft­li­ches Ent­ge­gen­kom­men ein, ange­fan­gen mit der Geduld des Zuhö­rens über den Trost des Ver­ständ­nis­ses bis hin zu der Bereit­schaft, sich kom­pro­mit­tie­ren zu las­sen?
Freund­schaft ist des­halb aber nicht das ‚inter­es­san­te­re Kon­zept‘, so funk­tio­niert der Text doch gar nicht! Amour fou und Freund­schaft wer­den nicht gegen­ein­an­der getes­tet und am Ende ist die Freund­schaft noch übrig. Nein, bei­de sind für den Text struk­tu­rell maß­geb­lich, das eine als inhalt­li­ches Zen­trum, das ande­re als mora­li­sche Bedin­gung sei­ner Erzähl­bar­keit, die sich in einer bestimm­ten Form, der Erzähl­si­tua­ti­on der Rah­men­hand­lung, nie­der­schlägt. Ob Freund­schaft lebens­prak­tisch das inter­es­san­te­re Kon­zept ist, wäre wie­der­um eine ande­re Fra­ge.
Nun gut, anschei­nend hat mei­ne Erin­ne­rung mir tat­säch­lich einen klei­nen Streich gespielt. Den­noch habe ich Dei­ne klei­ne Erzäh­lung mit gro­ßen Genuss gele­sen, vie­len Dank, Alex­an­der! Und wenn ich mir das alles ganz anders vor­ge­stellt habe, so nur – oder zumin­dest auch (!) –, weil ich es dir von gan­zem Her­zen gegönnt hät­te! Zukünf­tig wer­de ich mich lie­ber an das Ori­gi­nal hal­ten, des­halb auch die Fra­ge an Sido­nie: Wie weit bist du mit Dei­ner Lek­tü­re?
PS: Auf der Rück­fahrt bin ich beim Ein­stei­gen in den Zug aus­ge­rech­net in die bei­den „Siez­tan­ten“ gestol­pert. Die haben mir aus Mit­leid gegen­über mei­nem Zustand im Bord­bis­tro einen Kaf­fee nach dem ande­ren spen­diert. Als wir in Ber­lin ange­kom­men sind, waren wir fast so etwas wie Freun­de und haben uns sogar zum Sal­sa tan­zen ver­ab­re­det. Das war ein biss­chen unheim­lich. Wie ihr euch den­ken könnt, ist die­ses Date aber nie zu Stan­de gekom­men. (Sehe ich etwa aus, als wol­le ich zwi­schen irgend­wel­chen Kie­fer­or­tho­pä­den, Ver­si­che­rungs­ver­tre­tern und Opti­kern – Typus: tail­lier­tes Hemd in der Hose, brau­ner Leder­gür­tel, rah­men­lo­ses Bril­len­ge­stell – mei­nen Hüft­schwung üben? Sal­sa ist das Letz­te!)
Es ist schon ein star­kes Stück, dass ihr mich regel­recht dazu zwingt, hier so eine inti­me Geschich­te zu erzäh­len. Ich muss dich auch gleich ent­täu­schen, lie­ber Felix, dei­ne Ima­gi­na­ti­on ist mal wie­der mit dir durch­ge­brannt: es war mit Sicher­heit alles ganz anders, als du es dir vor­stellst (da sieht man mal wie­der, was die Lek­tü­re von Roma­nen den Leu­ten antut). Zunächst ein­mal bin ich etwas dar­über ver­wirrt, dass du die­se Epi­so­de nach Salem ver­legst, wo ich noch nie im Leben war. Das ein­zi­ge Mal, dass wir uns ein Zim­mer geteilt haben, war auf dem Kol­leg in Greifs­wald, ganz am ande­ren Ende Deutsch­lands, und das ist jetzt schon so lan­ge her, dass ich erst ein­mal in mei­nem Tage­buch nach­le­sen muss­te, um mir das alles wie­der rich­tig in Erin­ne­rung zu rufen.
Aus mei­nen Auf­zeich­nun­gen geht her­vor, dass ich bereits sehr schlecht gelaunt an die Ost­see gereist bin. Mei­ne dama­li­ge Freun­din (ja, ich mei­ne Len­na) und ich hat­ten uns gera­de getrennt und die Aus­sicht auf eine Woche Dis­kus­si­on über „Ästhe­tik nach Kant: Chan­cen und Pro­ble­me“ hat­te mei­ne Stim­mung nicht unbe­dingt ver­bes­sert. In mei­ner Grup­pe lag die Arbeits­mo­ral am Boden, was über aller­lei zwi­schen­mensch­li­che Zumu­tun­gen kom­pen­siert wur­de: so lie­ßen sich zum Bei­spiel unse­re Dozen­tin­nen plötz­lich nicht mehr mit Nach-, son­dern mit Vor­na­men anspre­chen, weil sie mit­be­kom­men hat­ten, dass das in eini­gen ande­ren Arbeits­grup­pen schon längst der Fall war und sie nun selbst nicht mehr als, wie es eine von ihnen aus­drück­te, „Siez­tan­ten“ daste­hen woll­ten.
Es gab in die­ser Woche eini­ge Exkur­sio­nen nach Rügen oder Szc­ze­cin, vor denen ich mich aus einem reich­lich ner­vö­sen Ruhe­be­dürf­nis gedrückt habe. Statt­des­sen bin ich über die an unse­re Her­ber­ge gren­zen­den Fel­der spa­ziert oder habe Kuchen geges­sen. Auf einem mei­ner Spa­zier­gän­ge sind mir am Ende eines Feld­we­ges T. und L. (ich bin mal so rück­sichts­voll, ihre Namen nicht aus­zu­schrei­ben) auf­ge­fal­len, die zu zweit auf einer Stein­bank saßen und in ein Gespräch ver­tieft schie­nen. Da ich kei­ne Lust hat­te, mich mit irgend­je­man­dem zu unter­hal­ten, bin ich umge­dreht und habe mich in unse­rem Zim­mer aufs Bett gelegt, um zu lesen (pas­sen­der Zufall: Der gel­be Blei­stift von Chris­ti­an Kracht!).
Im Ver­lauf der Woche konn­te man T. und L. immer wie­der eng bei­ein­an­der ste­hen sehen und dabei, ohne, dass sie sich irgend­wie berührt oder ver­trot­telt Händ­chen gehal­ten hät­ten, aus ihren müden, aber ver­trau­ens­vol­len Bli­cken dar­auf schlie­ßen, dass sie schon in der Nacht über alles gespro­chen hat­ten, dass zwi­schen ihnen alles wich­ti­ge gesagt wor­den war oder in kom­men­den Näch­ten gesagt wer­den wür­de und dass sie des­halb tags­über in bei­na­he stil­lem Ein­ver­ständ­nis neben­ein­an­der sein konn­ten, ohne noch viel zu reden. Ich dach­te sogar, dass es die für Außen­ste­hen­de so offen­sicht­li­che wie ver­schwö­re­ri­sche Tie­fe ihrer Bezie­hung ver­letzt hät­te, hät­ten sie ihr Gespräch im Bei­sein ande­rer fort­ge­setzt.
Der letz­te Tag vor unse­rer Abrei­se hat­te nun beson­de­re Stra­pa­zen für mich bereit. Beim Mit­tag­essen hat­te ich mich mit irgend­ei­nem Kom­mi­li­to­nen über eine Stel­le bei Kant in die Haa­re gekriegt (ich glau­be, es ging um den Begriff der ‚Hypo­ty­po­se‘ in §59 der Kri­tik der Urteils­kraft und die Fra­ge, ob Kant damit ein ana­lo­gi­sches Ver­hält­nis von Ethik und Ästhe­tik behaup­tet), ja rich­tig gestrit­ten und bei­na­he ange­schrien und obwohl ich hin­ter­her dir gegen­über, Felix, behaup­tet hat­te, es gehe mir gut, habe ich ehr­lich gesagt noch am Nach­mit­tag ange­fan­gen, Schnaps zu trin­ken. Am Abend­brot­tisch war ich im Grun­de schon voll­kom­men erle­digt und von allem genervt, ins­be­son­de­re von F., der die gan­ze Woche über den Clown des Kol­legs gespielt hat­te. Als die­ser nun in die Stil­le einer kur­zen Gesprächs­pau­se hin­ein sag­te: „Ey Alex, kenns­te Alpen­por­nos?“, konn­te ich mich nicht mehr hal­ten, habe laut ange­fan­gen zu lachen und muss­te mir schon bald mit einer Ser­vi­et­te die Trä­nen aus dem Gesicht wischen. F., der mei­nen Aus­bruch nicht als Ver­zweif­lung, son­dern als Zustim­mung auf­ge­fasst hat­te, fing jetzt lei­der an, eini­ge (fik­ti­ve?) ver­meint­lich lus­ti­ge Por­no­ti­tel auf­zu­sa­gen, die zu wie­der­ho­len ich euch an die­ser Stel­le lie­ber erspa­re. Er merk­te gar nicht, dass der Rest des Tisches nicht mit, son­dern viel­mehr über ihn lach­te. Da muss man ja ver­rückt wer­den.
Nach den Abend­vor­trä­gen saß ich also völ­lig debil in der „Scheu­ne“ (so hieß der Raum, den man uns zum Betrin­ken zuge­wie­sen hat­te) und muss­te nun fol­gen­des Gespräch zwi­schen den bei­den ehe­ma­li­gen „Siez­tan­ten“ und einem ande­ren Dozen­ten mit­hö­ren: Dozen­tin 1: „Ich bin am Anfang immer voll dabei, in der Mit­te las­se ich ein biss­chen nach, aber am Ende bin ich wie­der voll da!“ Dozen­tin 2: „Bei allem?“ Dozen­tin 1: „Bei allem!? Dozen­tin 2: „Bei allem!!!“ Wäh­rend die bei­den nun schon über den sexu­el­len Vibe ihres Gesprächs kicher­ten, frag­te der dabei­ste­hen­de, offen­sicht­lich für jeg­li­che Form von Unter­ton unemp­fäng­li­che Dozent in aller Unschuld: „Auch im Semi­nar­raum?“ Da hat es mir end­gül­tig gereicht: Ich habe mir mei­ne Fla­sche geschnappt und bin an die fri­sche Luft gegan­gen, um dem allen zu ent­flie­hen.
Direkt neben der Tür saßen T. und L. auf einem klei­nen Vor­sprung. Im ers­ten Moment hat­te ich das Gefühl, die bei­den zu stö­ren und woll­te schon wie­der rein­ge­hen, konn­te mich dann aber doch nicht dazu ent­schlie­ßen, weil es mit Sicher­heit völ­lig ver­wirrt gewirkt hät­te. Weil die bei­den mei­ne Ori­en­tie­rungs­lo­sig­keit erra­ten (eher: gese­hen) hat­ten, luden sie mich ein, mich zu ihnen zu set­zen und so kam es, dass wir am Ende die gan­ze Nacht mit­ein­an­der ver­bracht haben.
Zunächst saßen wir noch eine gan­ze Wei­le drau­ßen. T. hat­te mir eine Ziga­ret­te ange­bo­ten und ihr wer­det sicher­lich ver­ste­hen, dass ich in die­sem Moment sofort bereit war, mein erst eini­ge Mona­te zuvor begon­ne­nes Nicht­rau­cher­pro­jekt wie­der abzu­bre­chen. Im Gegen­zug schenk­te ich den bei­den groß­zü­gig aus mei­ner Fla­sche in ihre gera­de noch mit Wein gefüll­ten Plas­tik­be­cher ein. T. leg­te mir sei­nen Arm um die Schul­ter und sag­te sehr wis­send: „toten­hüt­te, son­nen­schutz“. Mein Streit­ge­spräch vom Mit­tags­tisch hat­te er mit­ge­hört – und gab mir Recht. (Soll­te er das auch nur zum Trost gesagt haben, wür­de ich es ihm den­noch oder gera­de des­halb sehr hoch anrech­nen.) Die Gesprä­che die­ser Nacht wie­der­zu­ge­ben, bin ich nicht mehr in der Lage. Sagen wir, es ging um ers­te und letz­te Din­ge: Lie­be, Sex und Zärt­lich­keit. Ein klei­ner bro­ken hearts club, den wir irgend­wann, als es uns drau­ßen zu kalt wur­de, auf dem Zim­mer von L. fort­setz­ten, bis die Fla­sche schließ­lich leer war. Du hast dir sicher­lich eine ande­re Form von Inti­mi­tät vor­ge­stellt, Felix — und ja: es lag durch­aus etwas in der Luft, es gab da eine Span­nung, das Wis­sen um die Mög­lich­keit, usw. usf. Das ein­zi­ge aber, was pas­siert ist: dass die bei­den mich für ein paar Stun­den Teil ihrer Ver­schwö­rung haben sein las­sen; dass wir gemein­sam für eine Wei­le das gan­ze uner­träg­li­che Geschwätz des Tages hin­ter uns gelas­sen und uns von gan­zem Her­zen unter­hal­ten haben. (Ich freue mich gera­de, dass ihr mich dazu gebracht habt, euch die­se Geschich­te zu erzäh­len.)
Wie ich an den Bade­man­tel gekom­men bin? Wegen Über­bu­chung hat­te L. ein luxu­riö­ser aus­ge­stat­te­tes Ein­zel­zim­mer zuge­wie­sen bekom­men und da hing in ihrem Bad eben ein Bade­man­tel. Den habe ich mir über­ge­zo­gen, bevor ich den bei­den zum Abschied einen Kuss gege­ben und sie dann allein gelas­sen habe. So bin ich zurück in unser Zim­mer gekom­men und ich wer­de dir für immer dank­bar sein, Felix, dass du eine Stun­de spä­ter mei­nen Kof­fer für mich gepackt hast. Ich selbst wäre dazu nicht mehr in der Lage gewe­sen.
Ich neh­me die Pro­vo­ka­ti­on an und ant­wor­te aus­nahms­wei­se nicht erst am Wochen­en­de. In Bezug auf Alex­an­der lasst mich nur so viel sagen: eines der letz­ten Erin­ne­rungs­bil­der, das ich von ihm aus der Zeit unse­rer gemein­sam absol­vier­ten Som­mer­aka­de­mie an der Schu­le Schloss Salem habe, zeigt Alex­an­der, wie er um sechs Uhr mor­gens in einem – defi­ni­tiv nicht sei­nem – Bade­man­tel zurück auf unser Zim­mer kommt. Die Geschich­te sei­nes eige­nen Point de len­de­main – das freut mich, Sido­nie! – muss er, das wer­det Ihr ver­ste­hen, selbst erzäh­len – sofern er denn möch­te.
Lasst mich statt­des­sen eini­ge all­ge­mei­ne­re Obser­va­tio­nen zu den sozia­len Ver­kehrs­for­men auf die­sen Ver­an­stal­tun­gen anhän­gen: Die­se sind in der Regel sowohl fach­li­cher Art, als auch auf plai­sir gerich­tet. Auf Som­mer­aka­de­mi­en ist für ers­te­res der Vor­mit­tag reser­viert, für letz­te­res der Rest des Tages. Das Anban­deln beginnt zumeist unmit­tel­bar nach der Ankunft, manch­mal wird auch an Lieb­schaf­ten von vor­an­ge­gan­gen Ver­an­stal­tun­gen ange­knüpft. Auf der Aka­de­mie, an der Alex­an­der und ich vor zwei Jah­ren teil­ge­nom­men haben, konn­te man schon im Ver­lauf der ers­ten Woche eine Viel­zahl an Paar­bil­dun­gen beob­ach­ten. Das funk­tio­nier­te dort u. a. über abend­li­che Fei­ern, von denen ich mich auf­grund einer noch fer­tig­zu­stel­len­den Haus­ar­beit fern­hal­ten muss­te. Dane­ben gab es ein White­board für die Orga­ni­sa­ti­on von Grup­pen­ak­ti­vi­tä­ten, auf dem sich immer offen­sicht­li­che­re Ange­bo­te wie „In der Turn­hal­le auf der gro­ßen Mat­te lie­gen (Mas­sa­ge)“ fan­den. Zwi­schen den die Schu­le umge­ben­den Wein­re­ben konn­te man Pär­chen lie­gen sehen und mor­gens, auf dem Weg zum Früh­stück, Jungs dabei beob­ach­ten, wie sie sich aus dem Mäd­chen­bau schli­chen. Gro­ßes Geläch­ter hat ein Mathe­ma­ti­ker ver­ur­sacht, der meh­re­re Tage hin­ter­ein­an­der in einem aus­ge­wa­sche­nen T-Shirt mit dem Auf­druck ›Ratio­nal Chic‹ her­um­ge­lau­fen ist. Zum ers­ten Mal sah ich ihn eng mit einem Mäd­chen bei­sam­men­sit­zen, den Arm um ihre Schul­tern gelegt und die Augen auf ein Lehr­buch gerich­tet, aus dem bei­de gemein­sam lasen und sich Noti­zen mach­ten. Zwei Jun­gen aus mei­ner Arbeits­grup­pe haben die­se Sze­ne in etwa so kom­men­tiert: „Die hat­te doch vor­ges­tern noch was mit dem Che­mi­ker.“ – „Mit dem Hoch­be­gab­ten?“ – „Nein, der ande­re Mathe­ma­ti­ker ist der Hoch­be­gab­te.“ – „Du meinst den Gro­ßen?“ – „Den von unse­rem Flur.“ – „Kei­ne Ahnung.“ Wenn Mr. ›Ratio­nal Chic‹ und sei­ne neue Freun­din nicht gera­de im Musik­zim­mer Duet­te san­gen, lagen sie auf der Wie­se vor der Kir­che, sie zwi­schen sei­nen gespreiz­ten Bei­nen sit­zend, mit dem Rücken an sei­ne Brust gelehnt, sodass er ihr gemüt­lich vor den Augen der ver­wirrt vor­bei­stol­pern­den Tou­ris­ten von hin­ten… Am Abschluss­abend wur­de am White­board sogar eine Lis­te aus­ge­hängt, auf der – zwecks plai­sir – Zim­mer­wech­sel orga­ni­siert wer­den konn­ten. Bei der Eli­ten­för­de­rung wird nichts dem Zufall über­las­sen. In einem der Nach­bar­zim­mer war der Hoch­be­gab­te tätig, glau­be ich.

Schaut, was heu­te ange­kom­men ist! Wer­de es gleich am Wochen­en­de lesen! (PS: Nicht strei­ten.)
Ach, Felix, du bist wirk­lich ein Held der Arbeit! Jetzt wis­sen wir zumin­dest auch, war­um du uns immer nur am Wochen­en­de mit dei­nen Wort­mel­dun­gen beglückst. Ein biss­chen klingt es bei dir aber auch nach die­ser unheil­vol­len „Mischung aus Arro­ganz und Lar­mo­yanz“, von der Peter Stroh­schnei­der neu­lich in einem Inter­view in der ZEIT gespro­chen hat. Wenn du allen, die nicht Deut­sche Klas­sik im Euro­päi­schen Kon­text stu­die­ren, die Befä­hi­gung zu gründ­li­chem Den­ken absprichst… Schon gut, schon gut, ich weiß, du meinst es nicht so.
Da ich mal davon aus­ge­he, dass du mit der Per­son, auf die du Rück­sicht nimmst, nicht Sido­nie meinst (davon wüss­te ich): Was hat Alex­an­der wie­der ange­stellt?
War­um ich mein Inter­es­se an einem lebens­welt­li­chen Pro­blem­zu­sam­men­hang in der Lite­ra­tur­ge­schich­te erkun­de, statt in der – soge­nann­ten – Wirk­lich­keit? Len­na! Ich weiß gar nicht, wo ich anset­zen soll. Gera­de Du soll­test doch ein kla­res Bewusst­sein dafür haben, dass die Rea­li­tät einer Gesell­schaft schein­haf­ter und ima­gi­na­tiv ver­zerr­ter ist als ein fik­tio­na­ler Text es je sein könn­te, zumal wenn man ihn mit einem gewis­sen his­to­ri­schen Abstand liest.
Einen etwas objek­ti­ve­ren Grund, war­um die Beschäf­ti­gung mit dem 18. Jh. beson­ders frucht­bar ist, nennt Alex­an­der Klu­ge in sei­nem Nacht­wort zu Mme La Fay­et­tes Princes­se de Clè­ves – ein Roman, über den wir uns unbe­dingt noch aus­tau­schen soll­ten! Klu­ge bemerkt, dass ab 1700 in der Aris­to­kra­tie ein nor­ma­ti­ver Wan­del hin zu einem (proto-)bürgerlichen Bewusst­sein sich abzeich­net, ohne dass der Hoch­adel den sozio­öko­no­mi­schen Restrik­tio­nen des Bür­ger­tums bereits unter­lie­ge. Das gan­ze 18. Jh. kann man als einen der­ar­ti­gen Über­gangs­zeit­raum betrach­ten, in dem sich ein Bewusst­seins­wan­del auf­grund der gro­ßen Frei­heit sei­ner ade­li­gen Trä­ger­schicht sehr aus­drucks­voll und reich­hal­tig mani­fes­tie­ren kann, z. B. in Lite­ra­tur.
Außer­dem woll­test Du, wenn ich Dich rich­tig ver­ste­he, auch wis­sen, war­um ich einen freie­ren Umgang mit der Lie­be aus einer Distanz von 200 bis 300 Jah­ren beob­ach­te, statt selbst zu han­deln und mich in der eige­nen Gegen­wart und in den eige­nen Kon­tex­ten für eine freie­re Pra­xis zu enga­gie­ren? Nun, tue ich nicht das eine, indem ich das ande­re betrei­be? Davon bin ich über­zeugt, wenn auch die phi­lo­lo­gi­sche Vor­ge­hens­wei­se heu­ris­ti­schen Mehr­auf­wand betreibt, der für die meis­ten unse­rer Zeitgenoss/Innen ver­mut­lich wenig attrak­tiv ist. His­to­ri­sche und (fremd-)sprachliche Umwe­ge, gedul­di­ges Lesen, auch um das The­ma her­um, die gründ­li­che oder wenigs­tens umfäng­li­che Zur­kennt­nis­nah­me der For­schungs­li­te­ra­tur… Wer erlegt sich der­ar­ti­ge Zumu­tun­gen auf, wenn der ero­ti­schen Unter­ver­sorgt­heit doch ein­fach per App abge­hol­fen wer­den kann?
Die­se Feti­schi­sie­rung des direk­ten Zugriffs auf Pro­ble­me, des unmit­tel­bar lösungs­ori­en­tier­ten Han­delns, von der unse­re Zeit geprägt ist, scheint mir an der Ober­flä­che das beherz­te Zupa­cken des homo prag­ma­ti­cus zu ver­kör­pern. Ein nüch­ter­ner Blick auf die Ver­hält­nis­se macht indes­sen zwei­fel­los klar, wie hilf­los und an der Wirk­lich­keit vor­bei an die­sem Ide­al rei­ner Mach­bar­keit fest­ge­hal­ten wird. Ich dage­gen tei­le den „Hang zum Indi­rek­ten“, von dem André Gide spricht: eine Inkli­na­ti­on, die sowohl ästhe­ti­sche als auch mora­li­sche Vor­lie­ben nach sich zieht.
Schließ­lich: Will ich die Para­do­xie, von der wir aus­ge­gan­gen sind, letzt­lich über­haupt lösen? Dass eine Bezie­hung auf Lei­den­schaft und Pflicht­be­wusst­sein beru­hen soll, ist ja nicht allein ein Para­dox, son­dern zugleich ein hohes Ide­al. Mei­ne Beschäf­ti­gung mit der his­to­ri­schen Behand­lung von Lie­be ist viel­leicht mehr eine auf­wän­dig ver­län­ger­te Rat­lo­sig­keit anstatt eines auf­müp­fi­gen Bes­ser­wis­sens, von dem die soge­nann­ten ‚alter­na­ti­ven Lebens­for­men‘ heut­zu­ta­ge ja uner­freu­li­cher­wei­se regel­recht über­formt sind.
Ich bin Teil mei­ner Gegen­wart und lebe und hand­le inner­halb ihrer Wider­sprü­che. Über die­se kann ich mich nicht ein­fach erhe­ben und der gute Vor­satz allein wird nicht ver­hin­dern, dass Men­schen sich in neue Wider­sprü­che ver­stri­cken, neue Unfrei­hei­ten pro­du­zie­ren und sich neu­en Regeln unter­wer­fen, wenn sie sich, ange­füllt mit ganz bestimm­ten, zeit­ge­mä­ßen Absich­ten und Frus­tra­tio­nen, in Clubs orga­ni­sie­ren oder poly­amo­re Hybrid­be­zie­hun­gen füh­ren, in denen auch stets eine arme See­le am stil­len Ende der Auf­merk­sam­keits­ver­tei­lung plat­ziert wer­den wird. Von der boden­lo­sen Pein­lich­keit sol­cher trot­zi­gen Befrei­ungs­ex­zes­se ein­mal ganz abge­se­hen. Und glau­be mir, in der Stu­di­en­stif­tung wird man Zeu­ge ero­ti­scher Ent­gren­zungs­ver­su­che, die, wenn schon nicht an Attrak­ti­vi­tät, so doch an Scham­lo­sig­keit, dem Ber­li­ner Nacht­le­ben wohl kaum nach­ste­hen. Mit Rück­sicht auf eine ande­re Per­son in die­sem Messa­ge Board, wer­de ich mich in die­ser Hin­sicht aller­dings in Dis­kre­ti­on zu üben wis­sen.
PS: Was die kaum noch laten­te Xeno­pho­bie in der Wahl der Schu­le angeht, gebe ich dir Recht. Aber kön­nen wir bit­te auf­hö­ren, uns über Essen zu unter­hal­ten? Ist uns denn so lang­wei­lig, dass uns kei­ne inter­es­san­ten The­men ein­fal­len? Felix, du bist mir übri­gens noch eine Ant­wort schul­dig!
Auch im Nach­hin­ein fin­de ich es wirk­lich schwie­rig, aus der Distanz etwas über die Poe­tik­vor­le­sung zu sagen, hal­te es Kracht aber auf jeden Fall zugu­te, dass er, was sich als Auto­bio­gra­phie extrem gut ver­kauft hät­te, in Frank­furt der­art abge­fa­ckelt hat. Dass das alles nun Poe­tik heißt, ist sicher­lich ein heil­sa­mer Stock in die Spei­chen einer ahis­to­ri­schen Post­mo­der­ne-For­schung. Ande­rer­seits leben wir in einer Zeit, in der sub­jek­ti­ve Betrof­fen­heit zumeist das letz­te Wort in kon­flikt­träch­ti­gen Situa­tio­nen bekommt, auch in Sachen Kunst. Inso­fern ist Krachts Offen­le­gung wie­der­um ziem­lich zeit­geis­tig – die zen­tra­le Über­bie­tung mag wie­der­um wohl dar­in, dass er ein Mann ist und damit ein gewis­ses Kli­schee auf­bricht. Erin­nert ihr euch übri­gens an den Vor­trag, den Eli­as auf dem Unform-Work­shop gehal­ten hat? Sei­ne The­sen über Salem und den insti­tu­ti­ons­in­di­zier­ten Nazi­spuk haben ja anschei­nend den Kern von Kracht ‚Auto­ren­poe­tik’ getrof­fen!
Sido­nie, es wird doch auf bei­den Sei­ten Iden­ti­täts­po­li­tik betrie­ben und zwar min­des­tens auf Ebe­ne der Klas­sen­zu­ge­hö­rig­keit, viel­leicht aber auch auf Ebe­ne von natio­na­ler Iden­ti­tät. Die­ses „regio­nal und saisonal“-Motto der Bio Märk­te erscheint mir zum Bei­spiel sehr befremd­lich, weil da mit der Kon­zen­tra­ti­on auf Essen aus „teut­schen Lan­den“ so eine gru­se­li­ge Hei­mat­ver­bun­den­heit anklingt, die sich mit der unhalt­ba­ren Behaup­tung einer „ursprüng­li­che­ren“ Lebens­mit­tel­qua­li­tät ver­bin­det. Dass an den Kar­tof­feln aus dem Bio-Markt dann auch noch unnö­ti­ger­wei­se die gan­ze Erde vom hei­mi­schen Acker klebt, ist eine so genia­le wie bru­ta­le Mar­ke­ting-Idee: Da schwingt für mich ein fürch­ter­li­cher Sub­text der Boden­haf­tung mit, der mir vor dem Hin­ter­grund des gera­de in den letz­ten Jah­ren zuneh­men­den Kon­ser­va­tis­mus sym­pto­ma­tisch erscheint. Wäh­rend die „neu­en Bür­ger­li­chen“ nun schon unver­hoh­len reak­tio­när sind, gibt sich das ein­kom­mens­star­ke, urba­ne Milieu zwar als libe­ral und welt­of­fen. Die­se Gedie­gen­heit zeigt aber oft genug eine wert­kon­ser­va­ti­ve und bigot­te Grund­hal­tung: Spä­tes­tens dann, wenn sich Ver­tei­lungs­kämp­fe abzeich­nen (wie zum Bei­spiel in Sachen Schul­bil­dung der Kin­der), beruft man sich auf Ansprü­che, die aus Leis­tung, Her­kunft und Kul­tur abge­lei­tet wer­den und ver­tei­digt die­se zugleich als Pri­vi­le­gi­en. Eine „gute“ Schu­le in Ber­lin, das ist doch ein voll und ganz eta­blier­ter und kom­plett trans­pa­ren­ter Euphe­mis­mus für eine Schu­le mit mög­lichst gerin­gem „Aus­län­der­an­teil“. Man sucht und fin­det die­se in den von mir beschrie­be­nen Stadt­tei­len. Mei­ne Befürch­tung ist, dass der ein­zi­ge wesent­li­che Unter­schied zwi­schen der bewuss­ten und der laten­ten bür­ger­li­chen Lebens­form dar­in besteht, dass ers­te­re die poli­ti­sche Agen­da bereits hat, die letz­te­re bald genug über­neh­men wird.
Gibt es eigent­lich schon etwas Neu­es zu Kracht? Habe ges­tern oder vor­ges­tern bloß einen reich­lich nichts­sa­gen­den Arti­kel im Tages­spie­gel gele­sen.
Unse­re Bei­trä­ge sind mitt­ler­wei­le so lang gewor­den, dass ich es manch­mal schwie­rig fin­de, über­haupt die Zeit zu fin­den, auf all die Din­ge, die nun gleich­zei­tig in Gespräch sind, gebüh­rend zu ant­wor­ten. Aber viel­leicht muss das ja auch gar nicht immer pas­sie­ren, viel­leicht kann man­ches auch erst ein­mal offen blei­ben und zu einem spä­te­ren Zeit­punkt wie­der auf­ge­grif­fen wer­den. Ich wer­de nun zumin­dest nicht auf alles gleich­zei­tig ant­wor­ten kön­nen.
Dan­ke auf jeden Fall für dei­ne umfang­rei­chen Aus­füh­run­gen, Felix! Ich habe mir Point de len­de­main gera­de bestellt und freue mich schon auf die Lek­tü­re. Ich fin­de es übri­gens schön, dass wir irgend­wie alle einen gemein­sa­men Nen­ner dar­in fin­den, dass unse­re Vor­stel­lun­gen von Bezie­hun­gen sich pri­mär an Idea­len der Frei­heit ori­en­tie­ren, ohne damit die Idee der Ver­bind­lich­keit not­wen­dig auf­ge­ben zu müs­sen. Sie gewinnt bloß eine ganz ande­re Form, da sie nicht als bestim­men­des, son­dern als bestimm­tes Prin­zip gedacht wird. Die Ver­bind­lich­keit wür­de gera­de dar­in bestehen, sich Frei­heit nicht nur zu gewäh­ren, son­dern aktiv dar­an zu arbei­ten, der Part­ne­rin oder dem Part­ner Frei­heit zu ermög­li­chen. (Das wür­de wohl bedeu­ten, dass die amour durch die plai­sir bestimmt wer­den soll­te.)
In Bezug auf dei­ne (pole­mi­schen) Aus­füh­run­gen zur Bür­ger­lich­keit, Alex, scheint es mir hilf­reich und sogar ent­schei­dend, einen Unter­schied zu berück­sich­ti­gen, der bei dir hin und wie­der anklingt, dem du dann aber nicht wei­ter zu fol­gen scheinst. Die­ser Unter­schied wür­de dar­in lie­gen, ob die „Bür­ger­lich­keit“ als Selbst- oder als Fremd­zu­schrei­bung gebraucht wird. Auf jeder Sei­te die­ser Unter­schei­dung kann es man­nig­fal­ti­ge For­men geben, in denen sich der Bezug auf „Bür­ger­lich­keit“ kon­kre­ti­siert. Viel­leicht las­sen sich aber zwei Ten­den­zen skiz­zie­ren, die das von dir gesag­te bzw. beklag­te cha­rak­te­ri­sie­ren. Als Selbst­zu­schrei­bung fin­det sich die „Bür­ger­lich­keit“ zuletzt wohl vor allem bei so unan­ge­neh­men Figu­ren wie Mat­thi­as Mat­tus­sek oder Jan Fleisch­hau­er. Ins­be­son­de­re bei ers­te­rem wird unüber­schau­bar deut­lich, dass die Beru­fung auf die „Bür­ger­lich­keit“ mit der Absicht auf eine Ab- und Aus­gren­zung geschieht, da gebe ich dir Recht. Etwas ande­res ist es doch aber, Leu­ten, die in Bio-Märk­ten ein­kau­fen, in einem Akt der Fremd­zu­schrei­bung eine „Ver­bür­ger­li­chung“ vor­zu­wer­fen, nur weil sie – viel­leicht mit ver­ant­wor­tungs­sethi­schem Sen­dungs­be­wusst­sein, aber sicher nicht aus men­schen­ver­ach­ten­den Moti­ven – ver­su­chen, ihr kom­for­ta­bles Ein­kom­men an der, wie sie glau­ben, rich­ti­gen Stel­le aus­zu­ge­ben. Hilft dir die­se Unter­schei­dung?
In Bezug auf Kracht glau­be ich, dass der größ­te Feh­ler nun dar­in bestehen wür­de, die Poe­tik­vor­le­sung als eine Art „Schlüs­sel“ dem „Werk“ gegen­über­zu­stel­len, anstatt sie als Teil des­sel­ben auf­zu­fas­sen. Gera­de die von dir ange­spro­che­ne „Lite­ra­ri­zi­tät“ von Krachts Vor­trag (soweit die­se aus den weni­gen Zita­ten her­vor­geht), aber auch die Tat­sa­che, dass Kracht sei­ne öffent­li­che „Offen­ba­rung“ dadurch gleich wie­der aura­ti­siert (und viel­leicht sogar iro­ni­siert?), dass er jeg­li­che Mit­schnit­te in Bild und Ton ver­bie­tet, wei­sen doch dar­auf hin, dass es sich hier – trotz oder zusätz­lich zu aller Schüch­tern­heit und Unsi­cher­heit auf Sei­ten Krachts – um eine genui­ne Form der Insze­nie­rung einer Offen­ba­rung han­delt. Ich bin des­halb um so gespann­ter, wie er in den nächs­ten Sit­zun­gen fort­fah­ren wird und las­se mich dann ggf. ger­ne eines Bes­se­ren beleh­ren.
Oh man, was sagt ihr zu der Poe­tik­vor­le­sung von Chris­ti­an Kracht? Schlim­me Geschich­te, das wird jetzt sicher­lich zu einer schwie­ri­gen Dis­kus­si­on über das Ver­hält­nis von Bio­gra­phie und Werk füh­ren. (Ich muss­te dabei übri­gens an einen län­ge­ren Arti­kel von Julia Encke über den Geor­ge-Kreis den­ken, den ich letz­te Woche gele­sen habe und den ich euch ger­ne emp­feh­len wür­de: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/missbrauch-im-namen-stefan-georges-15586303.html)
Wenn ich mir die Tex­te, die bis­her zu Kracht geschrie­ben wur­den, so durch­le­se, scheint mir eine all­ge­mei­ne Unbe­hol­fen­heit zu herr­schen. Immer wie­der klingt dort eine gewis­se Sen­sa­ti­ons­lust an, die sich auf zwei Din­ge gleich­zei­tig zu rich­ten scheint: zum einen auf die Geschich­te über die Miss­hand­lung im Kon­text von „MeToo“, zum ande­ren auf die Tat­sa­che, dass Kracht hier schein­bar einen „Lek­tü­re­schlüs­sel“ für sein eige­nes Werk „über­gibt“, indem er die­se Geschich­te selbst auf kon­kre­te Figu­ren und Sze­nen aus sei­nen Roma­nen bezieht und dar­aus gewis­ser­ma­ßen eine „Ursze­ne“ für sein Schrei­ben macht. Die Ver­un­si­che­rung scheint mir nun unter ande­rem in der Fra­ge zu lie­gen, wie man die­sen „Schlüs­sel“ anneh­men soll und ob sich eine mora­li­sche Pro­ble­ma­tik dar­aus erge­ben wür­de, ihn, wenn auch nicht anzu­zwei­feln, so doch zumin­dest zu kon­tex­tua­li­sie­ren, indem man zum Bei­spiel die Sprech­si­tua­ti­on der Poe­tik­vor­le­sung his­to­ri­siert, sei­ne eige­ne Lite­ra­ri­zi­tät benennt usw. (Mir ist zum Bei­spiel ein bestimm­ter Neben­satz auf­ge­fal­len, der in Krachts Beschrei­bung der Miss­hand­lung auf­taucht. Da heißt es: „…ich sol­le nicht nur mei­ne Hose und mei­ne Unter­ho­se, an deren Far­be ich mich heu­te nicht mehr erin­nern kann, her­un­ter­zie­hen, son­dern mich sozu­sa­gen ganz nackt aus­zie­hen…“ Die­ser Ein­schub – „an deren Far­be ich mich heu­te nicht mehr erin­nern kann“ – macht mich irgend­wie fer­tig. Ein „détail inu­ti­le“ wird in Form der Nega­ti­on auf­ge­ru­fen, um die gesam­te Erin­ne­rungs­pro­ble­ma­tik zu the­ma­ti­sie­ren und zwar in einem voll­kom­men ästhe­ti­sier­ten Ton (für mich klingt das übri­gens wie­der stark nach Sebald, auch die­ses „sozu­sa­gen“, ich will mich hier aber nicht all zu sehr auf mei­ne Sebald-Abnei­gung ver­stei­gen).) Wie geht man damit um? Was fängt man damit an? Drängt sich hier wie­der eine mora­li­sche Betrach­tungs­wei­se von Lite­ra­tur auf? Was denkt ihr?
Da nun vor allem von fran­zö­si­schen Roma­nen die Spra­che war, zuletzt noch die Fra­ge: habt ihr Manon Les­caut (1731) von Abbé Pré­vost gele­sen? Der Che­va­lier des Grieux ist unend­lich in Manon ver­liebt und ver­wirft alle sei­ne tugend­haf­ten Lebens­prin­zi­pi­en, um mit ihr zusam­men sein zu kön­nen. Immer wie­der geht sie ihm fremd, den­noch bleibt er sei­ner Lie­be treu. Auch sie beteu­ert immer wie­der ihre unsterb­li­che Lie­be für ihn, ihr Pro­blem liegt jedoch dar­in, dass sie nicht in Armut leben kann: genau wie den Exzess der Lei­den­schaft, braucht sie den Exzess des mate­ri­el­len Luxus. Und so erge­hen die bei­den sich in aller­lei Betrü­ge­rei­en sowohl im Spiel, als auch in der Lie­be. Sie bre­chen aus dem Gefäng­nis aus, der Che­va­lier hin­ter­geht sei­ne Freun­de und Ver­wand­te und er tötet sogar. Bis Manon irgend­wann zur Stra­fe nach Ame­ri­ka ver­schifft wird und der Che­va­lier ihr frei­wil­lig folgt. (Damit kommt hier noch ein­mal eine ganz ande­re Ver­bin­dung in den Blick: näm­lich nicht die von amour und mar­ria­ge, son­dern die wesent­lich span­nen­de­re von amour und crime.) Was mich an dem Roman am meis­ten berührt, ist die Tat­sa­che, dass der Che­va­lier einen Freund hat, der trotz allem so sehr zu ihm hält, dass er ihm am Ende sogar nach New Orleans hin­ter­her reist, um ihn zu ret­ten. Freund­schaft ist doch ein­fach das viel inter­es­san­te­re Kon­zept als Lie­be.
Als Snob ver­ste­he ich mich defi­ni­tiv. Aller­dings muss ich dazu sagen, dass ich nicht in allen Din­gen ein Snob bin. Mei­ne Faust­re­gel lau­tet in etwa so: je wich­ti­ger eine Sache für das unmit­tel­ba­re Über­le­ben ist, des­to weni­ger sno­bis­tisch ver­hal­te ich mich ihr gegen­über. Je unwich­ti­ger eine Sache ist, des­to sno­bis­ti­scher. Des­halb ist mir zum Bei­spiel jeg­li­cher Sno­bis­mus in Sachen Essen völ­lig fremd: Haupt­sa­che, ich wer­de satt und es schmeckt nicht schei­ße. Bei Laufso­cken hin­ge­gen kommt es für mich nicht infra­ge, ande­re Socken als die­je­ni­gen der Fir­ma Fal­ke zu tra­gen, da bin ich zu kei­nem Kom­pro­miss bereit und schaue uner­bitt­lich auf all die­je­ni­gen her­ab, die in Nike, Adi­das oder irgend­wel­chem No-Name-Stoff durch die Gegend ren­nen.
Was die Fra­ge der Bür­ger­lich­keit angeht, so kann ich gewiss nicht abstrei­ten, dass ich mei­ner Her­kunft und auch einem gro­ßen Teil mei­ner all­täg­li­chen Beschäf­ti­gung nach „bür­ger­lich“ bin. Aller­dings ist es mir völ­lig fremd, dar­in irgend­ei­ne Aus­zeich­nung, irgend­et­was posi­ti­ves zu sehen, mit dem ich mein Selbst­ver­ständ­nis schmü­cke. Im Deut­schen gibt es ja auch nicht ein­mal die Unter­schei­dung zwi­schen „bour­geois“ und „citoy­en“, wie es sie im Fran­zö­si­schen gibt. Wie der „citi­zen“ im Eng­li­schen, bezeich­net der „citoy­en“ den Staats­bür­ger, das ist ein genu­in poli­ti­scher Begriff. Dem deut­schen „Bür­ger“ hin­ge­gen haf­tet immer ein gewis­ser Pri­va­tis­mus an: alles Poli­ti­sche wird hier ins Ethi­sche „sub­li­miert“ und schlägt sich dann in so bru­ta­len Ide­en wie dem Berufs­ge­dan­ken, der pro­tes­tan­ti­schen Arbeits­ethik, Pflicht, Ehre, Spar­sam­keit, Mono­ga­mie usw. nie­der. Man kann in Deutsch­land ja nicht ein­mal ernst­haft von der Exis­tenz eines Groß­bür­ger­tums spre­chen, das sich dar­über wie­der erhe­ben wür­de. Deutsch­land ist kom­plett klein­bür­ger­lich. Damit kann doch nie­mand ernst­haft etwas zu tun haben wol­len.
Mir ist in den letz­ten Tagen noch ein­mal bewusst gewor­den, dass die Ehe in der Lite­ra­tur­ge­schich­te – vor allem in der fran­zö­si­schen – in der Regel als Pro­blem the­ma­tisch wird: als insti­tu­tio­na­li­sier­te Ver­hin­de­rung von amour und/oder plai­sir, die nur noch auf dem Wege des Ehe­bruchs erreicht wer­den kön­nen oder könn­ten – was dann ent­we­der tat­säch­lich geschieht (z.B. La femme de tren­tes ans, Madame Bova­ry, Thé­rè­se Raquin, auch Effi Briest) oder durch die „Tugend“ und „Ent­sa­gung“ der Hel­din­nen ver­ei­telt wird (La Princes­se de Clè­ves). (Immer geht es in die­sen zumeist von Män­nern geschrie­be­nen Roma­nen nur um Frau­en, die ein Pro­blem mit der Ehe haben. Als ein­zi­ges Gegen­bei­spiel fällt mir gera­de ledig­lich Fon­ta­nes Schach von Wuthe­now ein, der ein jun­ges Mäd­chen ver­führt, die ihm zu häss­lich ist, um sie zu hei­ra­ten. Als dann die Moral in Per­son des Königs inter­ve­niert, geht er die Ehe ein, um sei­ne Ehre zu ret­ten, bringt sich aber direkt nach der Trau­ung um.) Anstel­le von Glück und Selbst­ge­nuss ste­hen sozia­le Kon­ven­tio­nen, Kom­pro­mis­se, Lan­ge­wei­le und Tod und selbst die­je­ni­gen Roma­ne, die den Ehe­bruch mora­lisch ver­ur­tei­len, neh­men noch an der Ver­mes­sung des (Un-)Bewusstseins dar­über teil, dass die bür­ger­li­che Ehe den Bedürf­nis­sen der Men­schen durch ihren Anspruch auf Exklu­si­vi­tät Gewalt antut. Dass mar­ria­ge und amour in der bür­ger­li­chen Tra­di­ti­on zur Deckung gebracht wer­den sol­len, mar­kiert ja ledig­lich einen Kon­flikt und nicht des­sen Lösung.
Ich stim­me des­halb mit euch dar­in über­ein, dass es ange­zeigt wäre, die Ehe als sozia­le Kon­ven­ti­on von ihrem tra­dier­ten Nor­ma­ti­vis­mus zu befrei­en. Es spricht ja nichts dage­gen, sich (ob aus Lie­be oder auf­grund von Steu­er­ver­güns­ti­gun­gen oder war­um auch immer) zu ver­hei­ra­ten, aber das muss ja nicht gleich mit die­sem gan­zen Bal­last an gemein­sa­mer Ver­spie­ßung und Ver­fet­tung und dem ja lei­der immer wie­der zu beob­ach­ten­den Rück­zug ins „Pri­va­te“ ein­her­ge­hen. Anders gesagt könn­te die grö­ße­re Her­aus­for­de­rung viel­leicht dar­in bestehen, eben doch zu hei­ra­ten, dann aber eine Ehe so zu füh­ren, dass sie allem, was „Ehe“ ist, ent­ge­gen­steht. Ich habe mich übri­gens gefragt – und das rich­tet sich vor allem an dich, Felix – war­um du mit Absicht auf eine Über­win­dung der bür­ger­li­chen Lie­bes- und Bezie­hungs­for­men aus­ge­rech­net auf jahr­hun­der­te­al­te, aris­to­kra­ti­sche Model­le schielst, als gäbe es kei­ne zeit­ge­nös­si­sche­ren Ange­bo­te. Ich weiß ja nicht, was bei euch in Jena so los ist, aber hier in Ber­lin (jaja, hier spricht die Haupt­stadt) gibt es seit eini­gen Jah­ren auch für jun­ge Paa­re viel­fäl­ti­ge Mög­lich­kei­ten, Bezie­hungs­for­men jen­seits der Mono­ga­mie gemein­sam aus­zu­le­ben. (Ich rede nicht von kleb­ri­gen Swin­ger-Clubs mit Bor­dell-Atmo­sphä­re, die ja noch kom­plett hete­ro­nor­ma­tiv ver­ei­digt sind, son­dern eher von die­sen gan­zen quee­ren Par­tys, die in irgend­wel­chen Tech­no­clubs statt­fin­den. Stand ja alles schon im Feuil­le­ton.)
Eben­falls im Feuil­le­ton stand schon unzäh­li­ge Male, dass „Fair­tra­de“ und „Bio“ Arbeit am Habi­tus sind, das hat mitt­ler­wei­le jeder ver­stan­den, mein lie­ber Alex. Aber denkst du nicht, dass sol­che Kon­sum­entschei­dun­gen am Ende eben nicht bloß einen sozia­len, son­dern auch einen poli­ti­schen Unter­schied machen? So albern die­ser Satz in sei­ner Bana­li­tät auch sein mag, aber dass das Pri­va­te poli­tisch ist, lässt sich doch kaum bestrei­ten. Solan­ge man bedenkt, dass das Poli­ti­sche sich umge­kehrt nicht im Pri­va­ten erschöpft und noch deut­lich grö­ße­re Anstren­gun­gen ver­langt, ist doch nichts dage­gen ein­zu­wen­den, bewuss­te Kon­sum­entschei­dun­gen zu tref­fen. Zumal die – bür­ger­li­che – Unter­schei­dung zwi­schen einem ver­meint­lich unpo­li­ti­schen Pri­va­ten und einer poli­ti­schen Öffent­lich­keit (sie­he Haber­mas) doch schon längst nicht mehr auf­recht­erhal­ten wer­den kann. (Das ist nun viel­leicht ein ande­res The­ma, aber das wäre für mich übri­gens auch eine der zen­tra­len Kon­se­quen­zen, die aus den jüngs­ten Affä­ren um Face­book, Cam­brid­ge­Ana­ly­ti­ca, Big­Da­ta im All­ge­mei­nen, usw. zu zie­hen wären: wie konn­te man jemals glau­ben, eine „pri­va­te“ Nach­richt auf Face­book habe irgend­et­was mit „pri­vat“ im älte­ren Sin­ne zu tun? Dar­über wür­de ich mich ger­ne noch ein­mal mit euch aus­tau­schen.) Jetzt aber noch eine ande­re Fra­ge an dich, Alex: glaubst du, dass du dich selbst als „nicht bür­ger­lich“ bezeich­nen könn­test? (Und als Snob?)
Ja, Sido­nie, ich habe Lie­be als Pas­si­on gele­sen und ich fin­de es zwar frucht­bar, aber doch auch sehr müh­sam, mit Luh­mann dem Inter­es­se an irgend­ei­nem Gegen­stand nach­zu­ge­hen. Es führt einen regel­mä­ßig in die iro­ni­sche Lage, mehr Arbeit in die Erklä­rung von Luh­manns Theo­rie zu inves­tie­ren als in die Erfor­schung des eigent­li­chen Gegen­stan­des…
Eine soge­nann­te ‚Leit­dif­fe­renz‘ – wie die­je­ni­ge von plai­sir und amour – hat in der Sys­tem­theo­rie ja immer eine dop­pel­te Funk­ti­on: nicht allein die seman­ti­sche Unter­schei­dung zu bezeich­nen, son­dern auch deren Ein­heit. Im Fal­le von plai­sir und amour darf man des­halb nicht dar­auf ver­fal­len, die­se Gegen­be­grif­fe auch als Gegen­tei­le miss­zu­ver­ste­hen. ‚Dif­fe­renz‘ bedeu­tet bei Luh­mann gera­de nicht den Aus­schluss des einen Ele­men­tes vom ande­ren, son­dern die inni­ge Ver­bin­dung bei­der in ihrer Funk­ti­on, ein und das­sel­be seman­ti­sche Feld zu struk­tu­rie­ren. Bei plai­sir geht es Luh­mann um die unwill­kür­li­chen, affek­ti­ven Gehal­te des Lie­bens, bei amour um die Her­stel­lung einer sozia­len Bezie­hung: plai­sir ist die Selbst­re­fe­renz eines Indi­vi­du­ums auf sei­nen eige­nen Gefühls­haus­halt, amour die Fremd­re­fe­renz von Indi­vi­du­en auf­ein­an­der. Für authen­ti­sche amour ist plai­sir eine not­wen­di­ge Bedin­gung, ohne gelun­ge­ne Selbst­re­fe­renz des eige­nen Gefühls kann die Lie­bes­be­zie­hung nicht auf­recht­erhal­ten wer­den. Dies gilt natür­lich nur, solan­ge sie über­haupt auf­rich­tig sein soll. Amour kann immer auch vor­ge­täuscht wer­den, plai­sir nicht. Die­se ‚Leit­dif­fe­renz‘ kreist des­halb schon um das zen­tra­le Pro­blem von Lie­be als Pas­si­on, näm­lich die Beglau­bi­gung der Lie­be als authen­ti­sche.
Luh­mann liest sein gesam­tes Mate­ri­al, das sehr umfang­reich und immer eine gute Fund­gru­be für Quel­len ist, als Ent­wick­lungs­ge­schich­te der ‚Insti­tu­tio­na­li­sie­rung einer Para­do­xie‘, auf die die Seman­tik der Lie­be hin­aus­lau­fe: Die moder­ne, inti­me Paar­be­zie­hung, die ver­bind­lich und spon­tan zugleich sein soll, ver­ge­sell­schaf­tet und sub­jekt­zen­triert, ratio­nal und sen­ti­men­tal, eigen­ver­ant­wort­lich und hin­ge­bungs­voll, kal­ku­liert und pas­sio­niert. Luh­mann unter­sucht die Gene­se die­ser unauf­lös­ba­ren kom­mu­ni­ka­ti­ven und prak­ti­schen Para­do­xi­en, die den Pro­blem­ho­ri­zont der moder­nen Bezie­hungs­form bil­den. Die­se Fina­li­tät sei­ner Unter­su­chung legt sich manch­mal – das ist unver­meid­bar – zu mas­siv auf sei­ne Gegen­stän­de. Die Beweg­lich­keit der ‚Dif­fe­ren­zen‘ und die Koexis­tenz ver­schie­de­ner seman­ti­scher Gel­tungs­be­rei­che gelan­gen ihm gele­gent­lich aus dem Blick, oder sie inter­es­sie­ren ihn nicht sehr. Dafür gibt es eben Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­ler.
Der sozio­lo­gi­schen Ziel­grö­ße einer insti­tu­tio­na­li­sier­ten kom­mu­ni­ka­ti­ven Para­do­xie, auf die hin Luh­manns Stu­die genea­lo­gisch aus­ge­rich­tet ist, geht näm­lich eine Latenz­pe­ri­ode vor­aus, in der die Dif­fe­ren­zie­run­gen sehr viel durch­läs­si­ger und ambi­va­len­ter sind, als sie sich vom Ende her gele­sen dar­stel­len. Genau dar­auf woll­te ich mit mei­nem wei­ten Begriff von amour hin­aus, der plai­sir – genau wie bei Luh­mann selbst – natür­lich mit ein­be­zieht. Amour umfasst seman­tisch recht ver­schie­de­ne Ele­men­te wie aimer, être aim­a­ble, amant, ami(e); und die inter­es­san­tes­ten Tex­te der Epo­che krei­sen um Indi­vi­du­en, die die gesam­te Band­brei­te die­ser Seman­tik als Ver­hand­lungs­mas­se ihrer Bezie­hung zuein­an­der auf­fas­sen.
Die kur­ze Erzäh­lung Point de len­de­main, die 1777 anonym (!) erschie­nen war und spä­ter Vivant Denon zuge­schrie­ben wur­de, ist exem­pla­risch, nicht nur für die besag­ten sozia­len Tat­be­stän­de, son­dern auch für deren lite­ra­ri­sche Reprä­sen­ta­ti­on, die in den sel­tens­ten Fäl­len der­art gelun­gen ist. Der Prot­ago­nist die­ser Erzäh­lung stellt sich mit ledig­lich drei Attri­bu­ten vor: Er ist jung, arg­los (ingé­nu) und unsterb­lich ver­liebt. Sei­ne Lie­be ist längst erhört, er ist der Favo­rit einer gewis­sen Com­tesse und erwar­tet die­se vor einer Opern­auf­füh­rung in deren Pri­vat­lo­ge. All das hält ihn aller­dings nicht davon ab, auf den unwi­der­steh­li­chen Befehl einer Madame de T… hin, die sich in der benach­bar­ten Loge gera­de zu gehen anschickt, die­se nach Hau­se zu beglei­ten.
Wei­te­re Aus­künf­te wer­den weder erfragt noch erteilt und erst kurz vor der Ankunft auf einem Schloss vor der Stadt erfährt der Prot­ago­nist, dass man gemein­sam den all­zeit ver­stimm­ten Gat­ten besu­chen wer­de, da die­ser und Mme de T… kürz­lich auf­grund von Fami­li­en­rück­sich­ten, sich wie­der ‚ver­söhnt‘ hät­ten. Über die Rol­le, die der Prot­ago­nist in die­ser Kon­stel­la­ti­on zu spie­len hat, gibt es kei­ner­lei Über­ein­kunft und gera­de dar­in besteht der Test: Wird er die sozia­le Gelen­kig­keit auf­brin­gen, alle Anzüg­lich­kei­ten in Rich­tung der Madame zu ver­mei­den und alle Belei­di­gun­gen durch den Ehe­mann zu über­hö­ren? Charme, Raf­fi­ne­ment und Zurück­hal­tung sind die Tugen­den der Stun­de und zual­ler­erst – Dis­kre­ti­on.
Die ‚Nacht ohne Mor­gen‘ – hier kommt das plai­sir wie­der ins Spiel – ist die Beloh­nung. An deren Ende wird ein wei­te­rer Mann auf dem Schloss erschei­nen, der ‚eigent­li­che‘ Gelieb­te der Madame de T…, der die Ein­la­dung des jun­gen Man­nes als Ablen­kungs­ma­nö­ver zur Ver­wir­rung des Gat­ten geplant hat­te. Der Prot­ago­nist begreift den Plan – und das dop­pel­te Spiel der Madame de T…  – gera­de recht­zei­tig, um ein­mal mehr im rich­ti­gen Zusam­men­hang nichts zu erklä­ren. Wird er sie wie­der­se­hen, den gehörn­ten Lieb­ha­ber gar erset­zen? Wird er zu sei­ner Com­tesse zurück­keh­ren? Wird er sie mehr oder weni­ger lie­ben als zuvor, oder bes­ser? „Quel­le aven­ture! quel­le nuit! Je ne savais si je ne rêvais pas encore ; je dou­ta­is, puis j’étais per­sua­dé, con­vain­cu, et puis je ne croyais plus rien. […] je flot­t­a­is dans ces incerti­tu­des, […].“
Luh­mann hat mit sei­ner Stu­die die Gene­se des Vor­aus­set­zung-Wer­dens von Lie­be für Part­ner­schaft und Ehe unter­sucht und klar gese­hen, was für ein schwer fixier­ba­res Ele­ment aus­ge­rech­net das Fun­da­ment für eine gesell­schaft­lich, recht­lich und mora­lisch ver­bind­li­che Insti­tu­ti­on bereit­stel­len soll. Ich selbst – ich gebe es zu – beschäf­ti­ge mich gern mit der lite­ra­ri­schen Reprä­sen­ta­ti­on einer Zeit (und einer Klas­se!), in der die Dif­fe­renz zwi­schen Lie­be und Part­ner­schaft, die auf­zu­he­ben uns heu­te so gro­ße Mühe abver­langt, noch intakt war und weni­ger als Unauf­rich­tig­keit miss­ach­tet denn als Frei­heits­ge­winn – für bei­de Geschlech­ter (!) – geschätzt wur­de. Die nöti­gen Tugen­den und die Ver­bind­lich­keit, die wir heu­te in der Bezie­hung als Insti­tu­ti­on kodi­fi­zie­ren möch­ten, waren in den Indi­vi­du­en selbst zu suchen.
Dan­ke, Sido­nie, ich sehe dei­nen Punkt und wer­de wei­ter dar­über nach­den­ken. Ich möch­te jedoch fest­hal­ten, dass „bür­ger­lich“ schon immer ein Kampf­be­griff war und es auch wei­ter­hin bleibt. Das zu leug­nen gehört zu der spe­zi­fi­schen Gestalt, die der Begriff als Kampf­be­griff heut­zu­ta­ge ange­nom­men hat. Ich will das kurz aus­füh­ren.
His­to­risch kann die Idee der Bür­ger­lich­keit in ihrem Kampf gegen die Adels­herr­schaft als eine eman­zi­pa­ti­ve, poli­ti­sche Idee ver­stan­den wer­den: sie hat unse­re heu­ti­ge Gesell­schafts­form her­vor­ge­bracht. Kon­sti­tu­tiv für die­se Gesell­schafts­form war es zunächst, dass das Bür­ger­tum nicht mehr dem Adel, son­dern nun dem „Pro­le­ta­ri­at“ als einer nie­de­ren Klas­se ent­ge­gen­stand und zwar als Unter­drü­cker. Heu­te mögen die meis­ten Men­schen nicht mehr von einer Klas­sen­ge­sell­schaft spre­chen, was jedoch nicht bedeu­tet, dass die­se Gewalt­ver­hält­nis­se sich auf­ge­löst hät­ten (man kann dazu zum Bei­spiel Didier Eri­bon lesen). Statt­des­sen spricht man von einer stär­ke­ren Aus­dif­fe­ren­zie­rung der Gesell­schaft, in der eine ein­zel­ne Per­son – je nach­dem, ob man etwa nach finan­zi­el­lem oder „kul­tu­rel­lem Kapi­tal“ fragt – zugleich einer höhe­ren und einer nied­ri­ge­ren „Schicht“ ange­hö­ren kann. Den­noch – und das ist nun gera­de der Punkt – funk­tio­niert der Begriff „bür­ger­lich“ auch hier wei­ter­hin als ein Prä­di­kat, das eine sozia­le Kohä­si­on erzeu­gen soll, die zugleich Ab- und Aus­gren­zung voll­zieht. Das lie­ße sich wohl am deut­lichs­ten an dem der Mit­tel­schicht ent­wach­se­nen, aka­de­mi­schen Pre­ka­ri­at able­sen: wird die­ses wei­ter­hin als „bür­ger­lich“ bezeich­net, so mag damit zwar die Rea­li­tät einer ver­gleichs­wei­se guten, sozia­len Absi­che­rung durch das Eltern­haus getrof­fen sein, gleich­zei­tig geht es aber auch dar­um, die­se Kohor­te von dem ande­ren, dem „klas­si­schen Pre­ka­ri­at“ (den „Aso­zia­len“) abzu­gren­zen: mit denen möch­te man nicht ver­wech­selt wer­den. (Es könn­ten sich am Ende ja Soli­da­ri­täts­zu­mu­tun­gen auf­drän­gen.)
Wenn Men­schen heut­zu­ta­ge von ihrer „Bür­ger­lich­keit“ als etwas Posi­ti­vem spre­chen, dann haben sie in der Regel kein Gespür für die sozia­le Ver­ach­tung, die damit ein­her­geht. (Viel­leicht gehört es zum Wesen der Ver­ach­tung, kein rich­ti­ges Bewusst­sein ihrer Selbst zu haben.) Das lie­ße sich an so Vie­lem demons­trie­ren. Wenn zum Bei­spiel von Dah­lem, Lich­ter­fel­de oder Ste­glitz – im Gegen­satz zu Neu­kölln oder dem Wed­ding – als „bür­ger­li­chen“ Stadt­tei­len gespro­chen wird, dann ist damit – ohne es über­haupt noch aus­zu­spre­chen – gemeint, dass dort eine geho­be­ne Mit­tel­schicht wohnt, die nicht nur mehr­heit­lich einen deut­schen (oder EU) Pass besitzt, son­dern die in die­sen Päs­sen unter „Natio­na­li­tät“ auch „deutsch“ ste­hen hat. Oder wenn Leu­te ihre Ori­en­tie­rung auf Fair­tra­de und Bio-Märk­te mit einem „bür­ger­li­chen“ Selbst­ver­ständ­nis ver­bin­den und damit eine bestimm­te „Ethik“ für sich in Anspruch neh­men, dann haben sie in den sel­tens­ten Fäl­len ein Gespür für den Klas­sen­hass, der damit ein­her­geht. (An nichts mani­fes­tie­ren sich die „fei­nen Unter­schie­de“ heut­zu­ta­ge so sehr wie am Essen. Mit des­sen Qua­li­tät oder Geschmack (jetzt mal im Sin­ne der spe­zi­fi­schen Sti­mu­la­ti­on des sinn­li­chen Appa­ra­tes) oder gesund­heit­li­chen Aspek­ten zumin­dest hat das alles eher wenig bis gar nichts zu tun.) Die­sen Sno­bis­mus muss man sich erst ein­mal leis­ten kön­nen. Und auf all die­je­ni­gen, die ihn sich nicht leis­ten kön­nen, wird mit ver­meint­lich „ethi­schen“ Argu­men­ten her­ab­ge­blickt. Das man­geln­de Bewusst­sein dafür ist das Pro­blem die­ser „Ethik“, ihr Ver­sa­gen, aber auch der Punkt, an dem sie wie­der poli­tisch wer­den könn­te. (Wie das nun wie­der mit dem Ver­hält­nis von „Ethik“ und „Poli­tik“ zusam­men­hängt, den du in dei­ner letz­ten Nach­richt ange­spro­chen hast, Sido­nie, weiß ich gera­de nicht.)
Mir gehen gera­de vie­le Din­ge durch den Kopf, von denen ich an die­ser Stel­le zumin­dest zwei fest­hal­ten möch­te.
Zum einen, Alex, ver­ste­he ich den Impuls, aus dem du Fou­cault liest. Auch fin­de ich es gut, dass du dir dabei Gedan­ken über die Fra­ge der Appro­pria­ti­on machst. Den­noch möch­te ich dar­auf hin­wei­sen, dass die mono­ga­me, part­ner­schaft­li­che Bezie­hung unter schwu­len und les­bi­schen Paa­ren weit ver­brei­tet und zumin­dest in mei­nem Umfeld auch der Nor­mal­fall ist. Das mögen nun in dei­nen Augen alles bür­ger­li­che Spie­ßer sein, aber man muss das Wort ‚bür­ger­lich‘ ja nicht immer gleich als Kampf­be­griff gebrau­chen. Dazu gäbe es noch viel zu sagen, wor­auf ich aber gera­de hin­aus will ist, dass ‚Homo­se­xua­li­tät‘ nicht not­wen­dig als Gegen­satz zu ‚bür­ger­lich‘ zu den­ken ist und des­halb auch nicht als Uni­ver­sal­chif­fre für anti-bür­ger­li­che ‚Lebens­for­men‘ über­be­las­tet wer­den soll­te. (Bit­te ver­ste­he das nicht als Vor­wurf, ich ver­su­che ledig­lich, auf die Pro­ble­ma­tik hin­zu­wei­sen, möch­te dir aber nichts unter­stel­len.)
Gene­rell fin­de ich den Begriff der ‚Lebens­form‘ bei Fou­cault dahin­ge­hend pro­ble­ma­tisch, dass er dazu ver­lei­ten kann, Fou­cault nur in Hin­blick auf ein ethi­sches Pro­jekt zu lesen und ihn dadurch ten­den­zi­ell zu ent­po­li­ti­sie­ren. Damit wird ver­deckt, dass Fou­cault über die­se Fra­gen ja gera­de in Hin­blick auf ihre recht­li­che Insti­tu­tio­na­li­sie­rung nach­ge­dacht hat. Das ver­bin­det sich unter ande­rem mit der Fra­ge des Ehe­rechts für homo­se­xu­el­le Paa­re – ein Modell an dem Fou­cault selbst zwar kein Inter­es­se hat, des­sen Lega­li­sie­rung er den­noch ein­for­dert. Gleich­zei­tig for­dert er aber dazu auf, über ande­re Bezie­hungs­for­men nach­zu­den­ken, die eben­falls insti­tu­tio­na­li­siert und recht­lich aner­kannt wer­den sol­len. So wünscht er sich zum Bei­spiel die Mög­lich­keit, einen Freund zu adop­tie­ren. Die­se Fra­gen, ja sogar: die­sen Kampf his­to­risch zu situ­ie­ren, scheint mir hilf­reich, um sich in Erin­ne­rung zu rufen, dass Fou­caults poli­ti­sche For­de­rung ihren Aus­gangs­punkt in einer Erfah­rung der Dis­kri­mi­nie­rung hat, von der Hete­ro­se­xu­el­le nie betrof­fen waren.
Jetzt habe ich schon einen hal­ben Roman geschrie­ben, bevor ich über­haupt zu mei­nem zwei­ten Punkt kom­me. Ich hal­te mich des­halb noch kür­zer. Felix, du schreibst, dass es im 18. Jahr­hun­dert nur ‚mar­ria­ge‘ und ‚amour‘ gab. Dazu ist mir ein­ge­fal­len, dass Luh­mann in Lie­be als Pas­si­on doch noch eine ande­re, his­to­ri­sche Leit­un­ter­schei­dung bespricht, die – wie ich mir den­ken kann auch in dei­nen Ohren – erst ein­mal auf­re­gen­der klingt, näm­lich die­je­ni­ge von ‚plai­sir‘ und ‚amour‘. Weißt du dazu etwas? Ich müss­te das selbst erst ein­mal nach­le­sen, bekom­me aber gleich über das Wochen­en­de Besuch. Wür­de also erst nächs­te Woche dazu kom­men.
(Ach­so, da wir hier schon über Bezie­hun­gen reden: Gri­mes und Elon Musk, what the fuck, wie geil! https://www.youtube.com/watch?v=c2EJMd7ZN7w)
PS: Die bei­den stu­die­ren nicht Bio­lo­gie, son­dern Jura.
Ich muss­te bei dem, was du, Felix, geschrie­ben hast, an ein Inter­view mit Michel Fou­cault aus dem Jahr 1981 den­ken, das in der deut­schen Über­set­zung den Titel Freund­schaft als Lebens­form trägt. Fou­cault geht es hier um homo­se­xu­el­le Bezie­hungs- und Lebens­for­men, dabei stellt er eine Fra­ge in dem Raum: „‚Wel­che Bezie­hun­gen las­sen sich über die Homo­se­xua­li­tät her­stel­len, erfin­den, ver­meh­ren, gestal­ten?‘ Es geht nicht dar­um, in sich selbst die Wahr­heit des eige­nen Geschlechts zu ent­de­cken, son­dern die eige­ne Sexua­li­tät zu nut­zen, um viel­fäl­ti­ge Bezie­hun­gen her­zu­stel­len.“
Auch als ein sich als hete­ro­se­xu­ell ver­ste­hen­der Mann emp­fin­de ich die­se Fra­ge als eine ethi­sche Her­aus­for­de­rung. Hier ergibt sich zwar wie­der die Pro­ble­ma­tik der Appro­pria­ti­on, aber ich möch­te zumin­dest sagen, dass Fou­caults Fra­ge für mich Anlass ist, über die nor­ma­ti­ven Impli­ka­tio­nen der tra­dier­ten, hete­ro­se­xu­el­len Part­ner­schaft und die Mög­lich­keit von Alter­na­ti­ven nach­zu­den­ken.
Die ers­te Kon­se­quenz, die ich aus Fou­caults Fra­ge zie­hen wür­de, wäre die, das Wort „Bezie­hung“ nicht mehr für die Vor­stel­lung einer gera­de­zu meta­phy­si­schen Ver­ei­ni­gung mit dem Einen „Lebens­men­schen“ zu reser­vie­ren, mit dem alles nun end­lich einen so genann­ten „Sinn“ machen soll. „Bezie­hung“ soll­te doch viel mehr sein kön­nen, als die­ses kon­ser­va­ti­ve Modell. Dem­ge­gen­über fin­de ich den Begriff der „Bezie­hungs­form“ in sei­ner inhalt­li­chen Unbe­stimmt­heit sehr attrak­tiv. Die Auf­ga­be, neue Bezie­hungs­for­men zu ‚erfin­den‘ (das Wort ist viel­leicht etwas unglück­lich, da spe­zi­fi­sche Bezie­hungs­for­men ja wohl zumeist eher durch­aus unwill­kür­lich ‚ent­ste­hen‘), die sich nicht an der mono­ga­men Hete­ro-Part­ner­schaft mes­sen (als deren defi­zi­tä­re Ver­falls­for­men sie dann bloß noch erschei­nen könn­ten) ist eine ech­te Her­aus­for­de­rung. (Die „Ken­nen­lern­pha­se“ ist aus den schon genann­ten Grün­den kei­ne sol­che Alter­na­ti­ve. Mei­ne ‚Trau­rig­keit‘ mein­te des­halb wohl auch eine erstaun­te Rat­lo­sig­keit in Hin­blick auf die wir­re Ori­en­tie­rung mei­nes Cou­sins und sei­ner „Freun­din“ auf bür­ger­li­che Bezie­hungs­kon­ven­tio­nen, deren Gül­tig­keit sie aner­ken­nen und sich aneig­nen, die zu erfül­len sie aber – aus wel­chen Grün­den auch immer – nicht in der Lage sind.)
Dass Fou­cault sein Ver­ständ­nis von „Bezie­hungs­for­men“ dabei nicht über die Aus­übung spe­zi­fi­scher, sexu­el­ler Prak­ti­ken bestimmt, son­dern die im Titel des Inter­views ange­kün­dig­te Lebens­form der „Freund­schaft“ in den Mit­tel­punkt stellt, fin­de ich in die­ser Hin­sicht beson­ders reiz­voll. Anstatt eine Bezie­hung als etwas zu den­ken, das in sei­ner ver­meint­li­chen Ein­zig­ar­tig­keit über ‚blo­ße‘ Freund­schaft hin­aus­geht, wären eine Viel­zahl von Bezie­hungs­for­men der Freund­schaft ein­zu­ge­hen. Auch wenn man dann von sei­ner „Bezie­hung“ im Sin­ne einer, mei­net­we­gen sogar mono­ga­men, Part­ner­schaft spricht, wäre die­se nicht mehr über ihre Exklu­si­vi­tät zu den­ken, son­dern als eine kon­kre­te Form, die nur eine von vie­len Bezie­hun­gen aus­macht, in denen man sich immer schon befin­det. (Das wür­de übri­gens auch die Erwar­tungs­hal­tung an das, was eine Bezie­hung zu leis­ten hat, auf eine posi­ti­ve Art her­ab­sen­ken: man wür­de ein­fach nicht mehr alles an der einen Per­son auf­hän­gen und dadurch die Gefahr der Ent­täu­schung ver­rin­gern. Auch die­se läs­ti­ge Fra­ge: „Sind wir nun eigent­lich in einer Bezie­hung?“ wür­de sich erüb­ri­gen, weil klar wäre, dass man, um sie über­haupt stel­len kön­nen, immer schon in einer Bezie­hung sein muss.)
Das ist eine Fra­ge, die ich nicht ein­fach beant­wor­ten kann, Len­na. Auf psy­cho­lo­gi­scher Ebe­ne könn­te ich da aller­höchs­tens spe­ku­lie­ren, habe jedoch Angst vor der Bös­ar­tig­keit, die dabei her­aus­kom­men wür­de. Wenn ich aber ver­su­che, die­sen Kom­plex auf der Ebe­ne der hier pro­zes­sier­ten, sozia­len Nor­men zu beschrei­ben und dem Ver­hal­ten, das sie her­vor­brin­gen„ dann müss­te ich zunächst fest­stel­len, dass die Scheu mei­nes Cou­sins, sei­ne Part­ne­rin als sei­ne „Freun­din“ zu bezeich­nen und die Aus­flucht, statt­des­sen von einer „Ken­nen­lern­pha­se“ zu spre­chen, das Kon­zept der mono­ga­men Bezie­hung ja gar nicht infra­ge stellt, son­dern als das letzt­end­li­che Ziel des Ver­kehrs von Mann und Frau nur um so stär­ker bestä­tigt. Die dafür vor­ge­se­he­ne Ver­bind­lich­keit möch­ten die bei­den, zumin­dest ver­bal, noch nicht ein­ge­hen, stre­ben sie aber an. Gleich­zei­tig scheint mein Cou­sin davon aus­zu­ge­hen, dass mit der Ein­la­dung auf den Geburts­tag unse­rer Groß­mut­ter die Erwar­tung ver­bun­den ist, dass er eine Part­ne­rin prä­sen­tiert. Das wäre nun erst ein­mal mei­ne ein­fachs­te Erklä­rung. (Simp­le min­ded genug ist er. Ich hal­te es dabei nicht für unwahr­schein­lich, dass ihm die­se ver­meint­li­che Erwar­tung von sei­ner Mut­ter ein­ge­re­det wur­de, die noch tau­send­mal bür­ger­li­cher ist als mei­ne Groß­mut­ter.)
Wenn die­se Ana­sta­sia in den Augen dei­nes Cou­sins nicht sei­ne „Freun­din“ ist, war­um bringt er sie dann eigent­lich zum 90. Geburts­tag der Groß­mut­ter auf eine Fami­li­en­fei­er mit?
Ich fra­ge mich, wor­über genau Du nun trau­rig bist, Alex­an­der. Beziehst Du Dich dar­auf, dass Dein Cou­sin und des­sen Lieb­schaft sich dazu genö­tigt gese­hen haben, eine eige­ne, neue Sprach­re­ge­lung für ihre Bezie­hung zu fin­den, die dann ziem­lich fürch­ter­lich ist? Die „Ken­nen­lern­pha­se“, das klingt zumin­dest mir nach zwei Bio­lo­gen, die das eige­ne Paa­rungs­ver­hal­ten unter­su­chen. Vor­her gab es natür­lich die „Wer­bungs­pha­se“, in der das Männ­chen sich von sei­ner bes­ten Sei­te zeig­te, danach wird dann die „Brut­pha­se“ kom­men, sofern die „Ken­nen­lern­pha­se“ erfolg­reich ver­läuft… Das ist ein unwür­di­ges, trau­ri­ges Voka­bu­lar, ja.
Ich wür­de aber fra­gen, was die bei­den über­haupt dazu bewo­gen hat, sich nicht ein­fach als „Freund“ und „Freun­din“ zu bezeich­nen? Hät­te allein die­ser Begriff „Freun­din“ Dei­ner Groß­mut­ter eini­ges abver­langt? In ihrer Jugend war es doch wohl kaum prak­ti­ka­bel, als Paar auf­zu­tre­ten und die­se Ver­bin­dung nicht lizen­ziert zu haben durch Ehe­ver­spre­chen, Ver­lo­bung, Hei­rat. Ich fin­de, dass die Nach­kriegs­jahr­zehn­te einen gro­ßen Frei­heits­ge­winn erkämpft haben, indem es sozi­al akzep­ta­bel wur­de intim mit­ein­an­der zu sein, ohne dass irgend­wel­che Auto­ri­tä­ten die­se Bezie­hung besie­geln muss­ten. Eine „Freun­din“ zu haben, das war doch mal eine revo­lu­tio­nä­re Errun­gen­schaft, gera­de weil es gleich­be­deu­tend war, sich in einer „Ken­nen­lern­pha­se“ zu befin­den, bevor die Ange­le­gen­hei­ten ver­bind­lich wer­den konn­ten, aber nicht muss­ten!
Heu­te sind wir in der Situa­ti­on, dass die „Freund(in)“ ein der­ar­tig klar mar­kier­tes Sozi­al­kon­zept ist, dass es an Ver­bind­lich­keit der/dem eins­ti­gen „Ver­lob­ten“ kaum nach­steht. Was für Fort­schritt an libe­ra­ler Gesin­nung durch klein­bür­ger­li­ches Sicher­heits­be­dürf­nis wie­der auf­ge­ge­ben wor­den ist, eine Schan­de! Ich hof­fe, dass wir noch ein­mal an ein Bezie­hungs­kon­zept wer­den anknüp­fen kön­nen, in dem Leu­te als Paar auf­tre­ten dür­fen, ohne dass das gleich mit Erwar­tun­gen über­frach­tet und mit Aus­kunfts­pflich­ten belegt wird. Dann wären die Ver­lieb­ten auch nicht gezwun­gen, ein Ver­le­gen­heits­vo­ka­bu­lar zu erfin­den, das ihnen wenigs­tens einen mini­ma­len Spiel­raum ver­schafft.
„Ken­nen­lern­pha­se“, da wün­sche ich mich wirk­lich in das 18. Jahr­hun­dert zurück, in dem es nur zwei Ter­mi­ni gab: „Mar­ria­ge“ und „Amour“. Ohne den Benen­nungs­fu­ror der Moder­ne, so scheint es mir, war das Lie­bes­le­ben deut­lich inter­es­san­ter. Dazu bei­zei­ten eini­ge Flo­ri­le­gi­en.
Ach Alex, manch­mal möch­te man dich ein­fach nur in den Arm neh­men.
Ach, ich war bloß auf dem 90. Geburts­tag mei­ner Groß­mut­ter, hat­te ich das nicht erzählt? Wir haben das Wochen­en­de außer­halb von Paris in einem die­ser selt­sa­men Land­ho­tels ver­bracht, in denen man als Gast stän­dig das Gefühl hat, dem Per­so­nal im Weg zu ste­hen. Die Fei­er war nett, die Leu­te mit­un­ter stres­sig. Einer mei­ner Cou­sins aus Mün­chen hat­te sei­ne neue Freun­din dabei, er woll­te sie aber vor der Ver­wandt­schaft nicht so nen­nen und hat des­halb immer gesagt: „Wir sind noch in der Ken­nen­lern­pha­se.“ Ihr hät­tet das Gesicht mei­ner Oma sehen sol­len: „C’est quoi ça, une Kennelern­pha­se?“ (Konn­te ihr kei­ner so über­set­zen, dass es für sie einen Sinn erge­ben hät­te.) Spä­ter stan­den die bei­den anein­an­der­ge­schmiegt auf der Ter­ras­se. Mei­ne Mut­ter hat­te die vor­he­ri­ge Sze­ne nicht mit­be­kom­men und frag­te: „Wer ist denn dei­ne neue Freun­din?“ Da kam schon wie­der der Satz: „Das ist Ana­sta­sia. Wir sind gera­de aller­dings noch in der Ken­nen­lern­pha­se.“ (Ich schlie­ße dar­aus, dass es sich um ein im Vor­feld zwi­schen den bei­den abge­spro­che­nes Word­ing han­del­te. Das hat mich unend­lich trau­rig gemacht.)
Im Grun­de stimmst du mir also zu, das freut mich. Wo warst du am Wochen­en­de? Du hat­test gar nicht erzählt, dass du weg­fährst.
Bit­te ent­schul­di­ge mei­ne spä­te Ant­wort, Sido­nie, ich war über das Wochen­en­de ver­reist und muss­te mir jetzt erst ein­mal einen Weg zu mei­ner Woh­nung bah­nen (kein Witz: ich muss­te sogar vor den Augen der Poli­zei mei­nen Kof­fer öff­nen und mich als Anwoh­ner aus­wei­sen), wer­de mir aber Mühe geben, auf dei­ne Fra­ge von letz­ter Woche zu ant­wor­ten.
Das „schlech­te Altern“ Sebalds habe ich ja zunächst bloß als Befund mei­ner eige­nen Lese­bio­gra­phie fest­ge­stellt. Aber viel­leicht ist es wirk­lich so, dass Sebalds lite­ra­ri­sches (mora­li­sches, poli­ti­sches) Pro­jekt in der Zeit sei­nes Ent­ste­hens eine Berech­ti­gung hat­te, die man ihm, von heu­te aus betrach­tet, nicht zu leicht­fer­tig ent­zie­hen soll­te. Die Rin­ge des Saturn und Aus­ter­litz ent­ste­hen Ende der 90er Jah­re: es ist klar, dass Sebald mit die­sen Roma­nen auch auf das Pro­blem reagiert, dass eine auf Zeu­gen­schaft beru­hen­de Erin­ne­rung an die Sho­ah unab­wend­bar im Erlö­schen begrif­fen ist. Das ist erst ein­mal ein his­to­ri­scher Befund, vor des­sen Hin­ter­grund Sebalds Werk ent­stan­den ist, ein kon­kre­tes, erin­ne­rungs­po­li­ti­sches Pro­blem, des­sen er sich ange­nom­men hat.
Es scheint mir, von heu­te aus betrach­tet, eher die Art und Wei­se, wie er die­ses Pro­blem behan­delt hat, die man kri­ti­sie­ren muss. Frag­wür­dig fin­de ich sein Bewusst­sein von Zustän­dig­keit – als Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­ler und Roman­cier. Mitt­ler­wei­le den­ke ich, dass er gewal­ti­ges lite­ra­ri­sches Kapi­tal aus der The­ma­ti­sie­rung der Sho­ah schlägt, und zwar durch eine zwei­fa­che Appro­pria­ti­on, näm­lich des The­mas selbst und der Mit­tel sei­ner lite­ra­ri­schen Behand­lung, die wei­test­ge­hend Wal­ter Ben­ja­min, mit sei­nem Selbst­mord auf der Flucht vor den Nazis selbst ein Opfer des Geno­zids an den Juden, abge­schaut sind. Die­se Appro­pria­ti­on ist von einer mora­li­schen Ambi­va­lenz, die tat­säch­lich noch ein­mal einer eige­nen Pro­ble­ma­ti­sie­rung bedürf­te. Das gin­ge dann auch über den Vor­wurf der blo­ßen Epi­go­na­li­tät Sebalds hin­aus. Doch gera­de dar­auf zielt unse­re Dis­kus­si­on doch ab: Hat­te der Ver­such (posi­tiv aus­ge­drückt), Ben­ja­mins mne­mo­ni­sche Meta­phy­sik für den kon­kre­ten geschicht­li­chen Zeit­punkt von Sebalds Roma­nen zu re-aktua­li­sie­ren, eine gewis­se Berech­ti­gung, die in der Beur­tei­lung sei­nes Werks berück­sich­tigt wer­den soll­te?
Ok, alles klar, es wird ja erst ein­mal auch so gehen.
Nein, die müss­test du manu­ell set­zen. Ich wür­de euch aber ohne­hin bit­ten, momen­tan dar­auf (und auch auf das Ein­bet­ten von You­Tube-Vide­os o.ä.) zu ver­zich­ten, bis ich mich genau­er in die­se neue DSGVO ein­ge­le­sen habe.
Wer­den URLs hier nicht auto­ma­tisch in Links umge­wan­delt?
Wie, was, was, Hol­ly Hern­don? In einem Raum mit Jlin? Wie kannst du so gemein sein und mir das auch noch erzäh­len! (Für alle, die sie nicht ken­nen: https://www.youtube.com/watch?v=6baj34lxF4g / https://www.youtube.com/watch?v=nHujh3yA3BE / https://www.youtube.com/watch?v=DVeVa7uN2e4.)
Also: Der Frei­tag­abend im HKW war sehr hete­ro­gen. Ange­fan­gen hat es mit einem Kon­zert von Cana­lón de Tim­bi­quí, das ist eine kolum­bia­ni­sche Latin-Kom­bo, von der ich noch nie in mei­nem Leben gehört hat­te. Dem Rest des Saa­les schien es nicht so zu gehen, ich hat­te eher das Gefühl, dass ihr gesam­ter deut­scher Fan­club ange­reist war, um eine rie­sen­gro­ße Par­ty zu fei­ern. Wäh­rend der Lie­der wur­de vom Publi­kum immer wie­der kräf­tig mit­ge­klatscht, fast wie im Musi­kan­ten­stadl. Inter­es­san­ter­wei­se hat sich das mit der wirk­lich sehr beein­dru­cken­den Poly­rhyth­mik der Per­cus­sio­nis­ten kaum gestört. Stim­mung pur, die Hälf­te der Anwe­sen­den stand irgend­wann und hat getanzt. Ins­ge­samt muss ich aber sagen, dass das nicht mei­ne Musik ist und ich gegen­über der im Publi­kum sicht­lich ver­brei­te­ten Rezep­ti­ons­hal­tung ‚Welt­mu­sik‘ gewis­se Vor­ur­tei­le hege (Exotisierung/Fetischierung des ‚Ande­ren‘ wird mit Welt­of­fen­heit ver­wech­selt, Typen in geba­tik­ten Bal­lon­ho­sen, selbst­ge­dreh­ter Bio-Tabak usw. usf. Ist das eigent­lich so ein Gene­ra­ti­ons­ding? Soweit ich das erken­nen konn­te, sahen deren Fans alle­samt schon etwas älter aus und Links­sein war ja irgend­wann ein­mal durch­aus eng mit so einer ver­kapp­ten „ich geb‘ mir ‘nen kri­ti­schen Anstrich, will in Wahr­heit aber nur Urlaub machen“-Haltung ver­bun­den, die ihren Sehn­suchts­ort schon immer in Süd­ame­ri­ka hat­te. Die Band hat dem viel­leicht auch ein biss­chen in die Hän­de gespielt, das klang in mei­nen Ohren, wenn ich ehr­lich sein soll, schon ziem­lich nach Folk­lo­re).
Ganz anders war es am Diens­tag­abend bei Mula­tu Astat­ke im Berg­hain. Das Kon­zert war gran­di­os! Astat­ke hat­te sein Vibra­phon (Klang­höl­zer waren die­se Woche das Ding) direkt an der vor­de­ren Büh­nen­kan­te auf­bau­en las­sen, zu sei­ner Rech­ten hat­te er zwei Blä­ser, zu sei­ner Lin­ken saß ein abge­fah­ren guter Per­cus­sio­nist, es gab einen Pia­nis­ten, einen erst­klas­si­gen Kon­tra­bas­sis­ten und (ver­mut­lich ein­zig aus Grün­den des Exzes­ses) auch noch einen Cel­lis­ten. Zusätz­lich war sogar ein Schlag­zeu­ger im Ein­satz, sodass es zusam­men mit Astat­ke, der auch noch ein Set Bon­gos spiel­te, und dem bereits erwähn­ten, drei (!) Per­cus­sio­nis­ten gab. Musi­ka­lisch haben die es wirk­lich auf die Spit­ze getrie­ben. Man muss das auch gar nicht irgend­wie klang­lich auf­tu­nen, um einen Tech­no­club damit bespie­len zu kön­nen. Es geht um sehr kom­ple­xe har­mo­ni­sche Struk­tu­ren, Sound ist min­des­tens so wich­tig wie Musik und ansons­ten Beats, Beats, Beats. Wie könn­te man auf die Idee kom­men, Mula­tu Astat­ke woan­ders als im Berg­hain auf­tre­ten zu las­sen? Nun gut, zurück zur Aus­gangs­fra­ge: Er wird ja als „Vater des Ethio-Jazz“ bezeich­net und könn­te des­halb auch unter dem Label „Welt­mu­sik“ rubri­ziert wer­den, das war hier aber eine ganz ande­re Haus­num­mer als im HKW – und auch ein ganz ande­res Publi­kum. Da konn­te man zum Bei­spiel einen früh­grei­sen Mann in sei­nen Fünf­zi­gern, der den trau­rigs­ten aller asch­grau­en Bank­fi­li­al­lei­ter­an­zü­ge trug, sehr sinn­lich neben einer jun­gen Frau im Berg­hain-Kos­tüm (ganz in schwarz geklei­det) tan­zen sehen, die der Musik eher bei­wohn­te, als sich ihr hin­zu­ge­ben. Die Hälf­te der Anwe­sen­den (zum Bei­spiel ich) kann­te Astat­ke ver­mut­lich aus Bro­ken Flowers von Jim Jar­musch, was sei­ner Musik ins­ge­samt eine sehr außer­ge­wöhn­li­che und kon­tin­gen­te Reich­wei­te ver­schafft, die sich an die­sem Abend auch im Publi­kum abge­bil­det hat, das war ange­nehm.
Was ich damit sagen will ist: jede Band fin­det das zu ihr pas­sen­de Publi­kum – und umge­kehrt. Und damit kom­me ich auch end­lich zu Jlin, bei der das Publi­kum schon wie­der ein ganz ande­res war, als beim vor­an­ge­hen­den Kon­zert: jün­ger, hip­per, ein­deu­tig an der Gegen­wart inter­es­siert. Was mich an ihr so fas­zi­niert ist, dass sie es auf der einen Sei­te schafft, durch die­se rhyth­mi­sier­ten Sam­pling-Effek­te (Zer­stü­cke­lung, Wie­der­ho­lung, Ver­zer­rung, usw.) einen unge­heu­er para­ly­sie­ren­den Sog zu erzeu­gen, gleich­zei­tig aber auch sehr wei­te Klang­räu­me schafft und mir dadurch als Zuhö­re­rin ein Gefühl von Frei­heit lässt. Kon­zen­tra­ti­on und Weit­läu­fig­keit dür­fen neben­ein­an­der bestehen und je län­ger die­ser Zustand anhielt, des­to schö­ner wur­de es. Für zu Hau­se zum Ent­span­nen wäre ihre Musik zwar auch nicht mei­ne ers­te Wahl, im Club, und auch im ja sehr weit­läu­fi­gen Foy­er des HKW, hat sie aber eine unge­heu­re Wir­kung ent­fal­tet. Als dann Theo Par­rish ange­fan­gen hat auf­zu­le­gen, war ich schon rela­tiv müde. Er hat ange­nehm sou­li­gen Hou­se gespielt, sehr tanz­bar, das war ein gelun­ge­ner Aus­klang für die­sen Abend, lan­ge bin ich dann aber nicht mehr geblie­ben. (Übri­gens, Sido­nie, Hol­ly Hern­don war auch da!)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


(So viel für jetzt. Mor­gen aus­führ­li­cher!)
Ich habe Sebald nie gele­sen, des­halb kann ich an die­ser Stel­le argu­men­ta­tiv nichts bei­steu­ern, aber ich fas­se eure Dis­kus­si­on mal so zusam­men, dass sie auf die Fra­ge hin­aus­läuft, ob Sebalds lite­ra­ri­sches Werk schon immer alt­ba­cken und dadurch etwas unzeit­ge­mäß war oder ob es ein­fach schlecht geal­tert ist. Lie­ße sich von hier aus nicht auf eine ent­spann­te­re Wei­se (also erst ein­mal unter Abse­hung von der Höchst­stra­fe „schlech­te Lite­ra­tur“) ein Urteil bil­den? Und dann noch eine ande­re Fra­ge: War von euch jemand ges­tern im HKW bei Jlin und Theo Par­rish? Wie war’s?
Bei Klu­ge ist doch auch der Ador­no-Bezug stär­ker. Und wir alle wis­sen: sobald Ador­no ins Spiel kommt, wird alles bes­ser. (Nicht nur die Stim­mung.) (Ich ver­zei­he dir übri­gens, kei­ne Sor­ge.)
Jetzt traue ich mich gar nicht wirk­lich, es zu sagen, weil ich Angst habe, in Len­nas Anse­hen her­ab­zu­sin­ken, aber ich muss geste­hen, dass ich Sebald eine Zeit lang eigent­lich ganz gut fand. Ins­be­son­de­re Aus­ter­litz: die Art, wie er da frem­de Erfah­rung durch die dop­pel­te Zitier­wei­se („…sag­te x, sag­te Aus­ter­litz.“) als sol­che mar­kiert, die Gelehr­sam­keit, die Spra­che usw. Irgend­wann ist das aber auch bei mir gekippt, da fand ich das alles plötz­lich ein wenig selbst­ge­fäl­lig. Ich habe in den letz­ten Tagen noch ein­mal dar­über nach­ge­dacht, war­um das so ist und dabei auch noch ein­mal in Aus­ter­litz rein­ge­le­sen und ich glau­be, dass es etwas damit zu tun hat, dass es da am Ende so eine selt­sa­me, näm­lich zugleich kör­per­li­che und meta­phy­si­sche Dimen­si­on der Erin­ne­rung geben soll, die jen­seits des intel­lek­tu­el­len Dis­kur­ses des Gelehr­ten steht, näm­lich in der ‚sinn­li­chen Erfah­rung‘. Das kommt in der Erzäh­lung von Aus­ter­litz’ Rei­se nach Prag auf:
„Schon beim Her­um­ge­hen in dem Gewin­kel der Gas­sen, durch Häu­ser und Höfe […] und voll­ends, wie ich, Schritt für Schritt berg­an stei­gend, die unebe­nen Pflas­ter­stei­ne der Špor­ko­va unter mei­nen Füßen spür­te, war es mir, als sei ich auf die­sen Wegen schon ein­mal gegan­gen, als eröff­ne­te sich mir, nicht durch die Anstren­gung des Nach­den­kens, son­dern durch mei­ne so lan­ge betäubt gewe­se­nen und jetzt wie­der­erwa­chen­den Sin­ne, die Erin­ne­rung.“
Als Aus­ter­litz dann sein frü­he­res Kin­der­mäd­chen trifft und die­se im Gespräch unbe­dacht aus dem Fran­zö­si­schen ins Tsche­chi­sche wech­selt, kann er plötz­lich „wie ein Tau­ber, dem durch ein Wun­der das Gehör wie­der­auf­ging, so gut wie alles, was Věra sag­te“ ver­ste­hen, obwohl ihm zuvor nie der „Gedank[e] gekom­men war, vom Tsche­chi­schen je berührt wor­den zu sein.“ Mit ein paar Jah­ren Abstand emp­fin­de ich es als sehr ein­engend, dass die gesam­te Per­spek­ti­ve auf Geschich­te und Ver­gan­gen­heit bei Sebald allein aus Melan­cho­lie besteht und die weni­gen Momen­te des Glücks, die sich bei ihm andeu­ten, des­halb kaum mehr etwas ande­res sein kön­nen als pure Meta­phy­sik, die so eine ganz ver­krampft-ver­kopf­te Vor­stel­lung von Kör­per­lich­keit zum Vor­wand nimmt. (Das ist übri­gens auch der gro­ße Unter­schied zwi­schen Sebald und Klu­ge, die ja manch­mal zu unrecht mit­ein­an­der ver­gli­chen wer­den. Sebalds Hal­tung zur Geschich­te: Melan­cho­lie. Klu­ges Hal­tung zur Geschich­te: Neu­gier und Mög­lich­keits­sinn. Der Haupt­un­ter­schied zwi­schen Klu­ge und Sebald besteht aller­dings dar­in, dass Klu­ges Aus­gangs­punkt eine eige­ne his­to­ri­sche Erfah­rung ist (Der Luft­an­griff auf Hal­ber­stadt), bei Sebald aber bloß die mora­li­sche Empö­rung dar­über, dass in sei­nem bay­ri­schen Dorf auch nach dem Krieg noch Nazis leben. Aus mora­li­scher Empö­rung allein ist noch nie gute Lite­ra­tur ent­stan­den.)
OK, ich gebe zu, dass Open City durch die­sen spä­ten Turn eine ande­re Qua­li­tät bekommt – das „pein­lich“ sei in Bezug auf Cole zurück­ge­zo­gen. Den­noch fin­de ich das Erzähl­mo­dell „Fla­neur“ ein wenig aus der Zeit gefal­len. Ich habe den Roman durch­aus sehr ger­ne gele­sen, der Erzähl­stil hat mich auch nie gestört, ganz im Gegen­teil, man treibt da ja so mit. Den­noch wirkt er anti­quiert und das scheint mir – genau wie bei Ler­ner – an dem unüber­les­ba­ren Sebald-Ein­fluss zu lie­gen. Neben Ben­ja­min wer­den bei Cole ja auch noch Roland Bart­hes La cham­bre clai­re und Sig­mund Freud erwähnt. Ben­ja­min + Bart­hes + Freud = Sebald. Das ist eine welt­be­kann­te For­mel, die schon im Moment ihres Ent­ste­hens zu ihrem eige­nen Kli­schee gewor­den ist und des­halb bit­te zukünf­tig beim Ver­fas­sen von Roma­nen ver­mie­den wer­den soll­te. (Ver­mut­lich wisst ihr es, aber um Miss­ver­ständ­nis­se zu ver­mei­den, schrei­be ich es noch ein­mal: Ins­be­son­de­re Ben­ja­min und Bart­hes sind zwei Auto­ren, die für mein eige­nes Nach­den­ken über Kunst, Lite­ra­tur und das Leben zen­tral sind. Gera­de des­halb stößt mir ihre stän­di­ge Appro­pria­ti­on der­ma­ßen auf.)
Ver­zeiht mir, dass ich so deut­lich bin, aber Eure Argu­men­te bezüg­lich Satin Island kön­nen mich in mei­ner Mei­nung nicht mehr umstim­men. Ich muss auch sagen, Len­na, dass ich Dei­nen Ver­gleich zwi­schen Ben Ler­ner und Teju Cole unan­ge­mes­sen fin­de. Dei­nem Urteil über Ler­ner stim­me ich in der Ten­denz (wenn auch nicht in die­sem Wort­laut!) zu, Cole mit ihm in Ver­bin­dung zu brin­gen, bloß, weil auch in Open City Wal­ter Ben­ja­min erwähnt wird, ist aber ein­deu­tig zu weit gegrif­fen. Zunächst ein­mal wäre dar­auf hin­zu­wei­sen, dass die Ben­ja­min-Refe­renz bei Cole ganz anders ange­fügt wird als bei Ler­ner. Bei Ler­ner nimmt sie kom­men­tar­los eine gan­ze Sei­te ein, bei Cole ist sie in die Begeg­nung mit einem ehe­ma­li­gen Stu­den­ten der Kom­pa­ra­tis­tik aus Marok­ko ein­ge­bet­tet, der nun in Brüs­sel in einem Inter­net­ca­fé arbei­tet und sei­ner geschei­ter­ten, aka­de­mi­schen Kar­rie­re nach­trau­ert. Er stu­diert neben­her Über­set­zung, liest Theo­rie und denkt über Paläs­ti­na nach. Als jemand, der anti-zio­nis­ti­sche Posi­tio­nen ver­tritt, liest er jüdi­sche Auto­ren, um Geschich­te bes­ser zu ver­ste­hen: „…I belie­ve that his [Ben­ja­mins; F. W.] subt­le revi­si­ons of Marx can help me under­stand the his­to­ri­cal struc­tu­re that makes dif­fe­rence pos­si­ble.“ Gleich­zei­tig wird kurz zuvor vom Erzäh­ler eine leich­te Inkon­sis­tenz sei­ner Posi­tio­nen ange­deu­tet, auch die Fra­ge des Anti­se­mi­tis­mus wird ganz klar gestellt. Das öff­net den Text für Ambi­va­len­zen und ist kei­nes­wegs banal! Ein wei­te­rer, zen­tra­ler Unter­schied liegt dar­in, dass 10:04 rein selbst­be­züg­lich ist, es Open City aber auf­rich­tig dar­an gele­gen scheint, in der Erzäh­lung des Prot­ago­nis­ten Juli­us die Geschich­ten der Men­schen, denen er begeg­net, mit­zu­er­zäh­len, deren Erin­ne­run­gen auf­zu­neh­men. Das schei­nen mir kei­ne blo­ßen Spie­ge­lun­gen des See­len­zu­stands des Erzäh­lers. Zum ande­ren kommt doch gera­de am Ende her­aus, dass Juli­us die gan­ze Zeit gegen­über einer Erin­ne­rung, die für sein eige­nes Leben zen­tral sein müss­te, blind bleibt. Das wirft, den­ke ich, doch noch ein­mal eine ganz ande­re Per­spek­ti­ve auf den Roman und ver­leiht ihm eine Bedeut­sam­keit, an der sich 10:04 nicht mes­sen kann.
Car­di B kann­te ich bis­her auch gar nicht. Hip-Hop gegen­über und dies­be­züg­li­chen Inno­va­tio­nen bin ich ja eher igno­rant. Die­se Pop­cast-Aus­ga­be macht ja schon klar, dass man Hip-Hop, ver­schie­de­ne Rap-Styles, etc. stu­die­ren muss, wenn man das inno­va­tiv betrei­ben will. Das for­dert dann auch eine ent­spre­chen­de Rezep­ti­on, wenn es über den bloß klang­li­chen Genuss (der mir hier­bei wei­test­ge­hend fremd ist) hin­aus­ge­hen soll.
Die Qua­li­tät des Pop­casts schwankt beträcht­lich, weil sie sehr von den Gäs­ten abhängt. Der Gast­ge­ber selbst hat die­se pene­tran­te ame­ri­ka­ni­sche Leut­se­lig­keit („…exac­te­ly!“), zu viel Pose ver­stellt zu wenig Argu­ment. Mir fehlt oft die Geduld, das zu Ende zu hören. Gele­gent­lich kon­sul­tie­re ich den ‚Pop­cast‘ ein­fach, um über Trends in Ame­ri­ka infor­miert zu wer­den, genu­in inter­es­siert bin ich in der Regel nicht. Musik­his­to­ri­sche Aus­ga­ben fand ich bis­her am bes­ten: Zu Chuck Ber­ry und zu Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band. Das waren sehr auf­schluss­rei­che Fol­gen zur Geschich­te der Pop­mu­sik.
Also, ich fin­de den Song von Lykke Li super. Das Deep End mit Bezug auf das hin­te­re Ende des Swim­ming Pools zu ent­me­ta­pho­ri­sie­ren ist doch ein­fach nur toll. I’m in it. (So Fuck­ing Deep.) Wer ist über­haupt Car­di B? Und lohnt sich die­ser Pop­cast?
Ich habe mich erst ges­tern im Pop­cast der New York Times (es ging um Car­di B) dar­über beleh­ren las­sen, dass der Sad Girl-Style 2018 nicht mehr zieht. Vor­sicht also bei Lana Del Rey-Ein­flüs­sen. (Das gilt natür­lich nicht für Lana selbst. Die soll­te lie­ber bei ihren ele­gi­schen Hym­nen blei­ben, anstatt Hip­pie-Hip-Hop für unent­schlos­sen poli­ti­sier­te Hedo­nis­ten zu machen.)
Die Brecht-Ben­ja­min-Aus­stel­lung habe ich lei­der ver­passt. Oder wohl eher: „ver­passt“. Habt ihr übri­gens schon gese­hen, dass Lykke Li zwei neue Songs ver­öf­fent­lich hat? Sie klingt jetzt ein wenig wie eine Mischung aus Rihan­na und Lana Del Rey (und sieht ja übri­gens mitt­ler­wei­le aus, als wäre sie Lady Gagas Schwes­ter, viel­leicht sogar Lady Gaga selbst). Deep End gefällt mir sehr gut. Die bes­ten Song­zei­len 2018 ste­hen auf jeden Fall fest:
„Swim­ming pool, swim­ming pool
Swim­ming pool, swim­ming pool“
Ich muss geste­hen, dass ich noch nie etwas von Ler­ner gele­sen habe. Ich bin „ihm“, also einem Video von ihm, nur ein­mal auf der Brecht-Ben­ja­min-Aus­stel­lung begeg­net, die vor Kur­zem in der Aka­de­mie der Küns­te statt­ge­fun­den hat. Meh­re­re Künst­le­rin­nen und Künst­ler hat­ten zu der Aus­stel­lung eige­ne Arbei­ten bei­ge­steu­ert, dar­un­ter auch eine grö­ße­re Instal­la­ti­on von Alex­an­der Klu­ge, die aus meh­re­ren Moni­to­ren und Pro­jek­tio­nen bestand. Auf einem der Moni­to­re lief ein Gespräch mit Ler­ner. Kei­ne Ahnung, wor­über die gere­det haben. Ich habe nur ganz kurz rein­ge­schaut, weil ich so genervt war. Zum einen davon, dass die Aus­stel­lung so karg war, zum ande­ren davon, dass Klu­ge mit die­ser Instal­la­ti­on so viel Auf­merk­sam­keit auf sich gezo­gen hat. Es war näm­lich so, dass die Aus­stel­lung fast aus­schließ­lich aus Tex­ten, Foto­gra­fi­en und eini­gen Ori­gi­nal­do­ku­men­ten bestand. Man konn­te sich auch Auf­nah­men von Radio­sen­dun­gen anhö­ren, die Ben­ja­min geschrie­ben hat­te, aber nur mit Kopf­hö­rern. Bei Klu­ge hin­ge­gen lie­fen gleich zwei Ton­spu­ren gleich­zei­tig über Boxen und haben den gan­zen Raum beschallt. Das fand ich unpas­send. Zumal Klu­ge, soweit ich weiß, die Aus­stel­lung mit­fi­nan­ziert hat. Dass er dann gleich­zei­tig mit so einem rie­si­gen und lau­ten Eigen­bei­trag ver­tre­ten ist, ist doch ehr­lich gesagt deplat­ziert, könn­te den fal­schen Ein­druck erwe­cken. (Ver­steht mich nicht falsch: ich hal­te Klu­ge wei­ter­hin für den bes­ten und wich­tigs­ten unter den leben­den deut­schen Schrift­stel­lern, aber was will aus­ge­rech­net er von Ler­ner? Nach dem, was du schreibst, scheint da ja nicht viel zu holen zu sein.)
Ein Freund von mir hat mir neu­lich geschrie­ben, er sei von Satin Island genervt gewe­sen und hat in die­sem Zuge nah­ge­legt, Ben Ler­ners 10:04 arbei­te im Ver­gleich dazu auf eine wesent­lich bes­ser gelin­gen­de Art mit der (Des-)Integration mul­ti­pler Nar­ra­ti­ve. Ich habe 10:04 dar­auf­hin gele­sen und muss sagen, dass ich es ster­bens­lang­wei­lig und unglaub­lich prä­ten­ti­ös fin­de. Nicht, dass der Erzäh­ler in Satin Island nicht prä­ten­ti­ös wäre. Das scheint mir aber in der Figur ange­legt und ange­zeigt und für die­se Figur, zu der der Roman selbst dann doch auch eine gewis­se Distanz zulässt, pas­send. Bei Ler­ner aber ist Ler­ner selbst prä­ten­ti­ös. Unfass­bar fand ich u.a., dass er Paul Klees Ange­lus Novus in sei­nem Roman abdruckt und da auch noch ein Zitat aus Ben­ja­mins Über den Begriff der Geschich­te drun­ter setzt. Das scheint voll­kom­men erst gemeint, als wol­le er damit eine Tra­di­ti­on, Höhe und Bedeut­sam­keit für sich rekla­mie­ren, als kön­ne er da irgend­wie anschlie­ßen. In einem Roman aus dem Jahr 2015 ist das ein­fach nur pein­lich. (Teju Cole erwähnt den Ben­ja­min-Text ja auch in Open City. Ist das so ein melan­cho­li­sches Män­ner­ding? Über­iden­ti­fi­ka­ti­on mit Wal­ter Ben­ja­min? Und ist das viel­leicht die Fra­ge der Gegen­warts­li­te­ra­tur? Ver­gan­gen­heit und Erin­ne­rung unpein­lich erzäh­len!?) Und dann so Sät­ze wie: „…when the snow see­med like a tech­no­lo­gy for defea­ting time, or like defea­ted time its­elf fal­ling from the sky” – puh. Hier noch eine län­ge­re Pas­sa­ge, die ich beson­ders schlimm fand:
„Even­tual­ly he tur­ned from the river and wan­de­red back through Brook­lyn Heights. On a small cob­blestone street that dead-ended unex­pec­ted­ly, some con­spi­ra­cy of brick­work and chill air and gas­light gave him the momen­ta­ry sen­se of having tra­v­eled back in time, or of dis­tinct times being over­laid, tem­po­ra­li­ties inter­lea­ved. No: it was as if the litt­le fla­me in the gas lamp he pau­sed befo­re were bur­ning at once in the pre­sent and in various pasts, in 2012 but also in 1912 or 1883, as if it were one fla­me fli­cke­ring simul­ta­neous­ly in each of tho­se times, con­nec­ting them. He felt that anyo­ne who had ever pau­sed befo­re the lamp as he was pausing was brief­ly coeval with him, that they were all watching the same tur­bu­lent point in their respec­tive pre­sent ten­ses. Then he ima­gi­ned his nar­ra­tor stan­ding befo­re it, ima­gi­ned that the gas­light cut across worlds and not just years, that the aut­hor and the nar­ra­tor, while they couldn’t face each other, could intuit each other’s pre­sence by facing the same light, a kind of cor­re­spon­dence.“
Das klingt doch alles falsch, als sei es ein­zig und allein dar­auf hin­ge­schrie­ben, dass irgend­ein eif­ri­ger Under­grad eine Haus­ar­beit mit einem Titel wie „Remem­be­ring the Pres­ents. Time and Memo­ry in Proust, Sebald and Ler­ner“ schreibt. Über­haupt, die­ses stän­di­ge ges­e­bal­de: furcht­bar. 10:04 ist von vorn her­ein dar­auf hin­ge­schrie­ben, „inter­pre­tiert“ zu wer­den, Fähr­ten zu legen usw. In Satin Island scheint das zwar ähn­lich, aber nicht durch die Eitel­keit eines nach dem „Authen­ti­schen“ suchen­den Autors/Erzählers ver­klärt (es gibt in 10:04 zwar die­se Selbst­iro­ni­sie­run­gen, er weiß auch von der Ent­frem­dung und der eige­nen Unei­gent­lich­keit, authen­tisch will er aber sein), son­dern kom­plett nach außen gekrem­pelt. Nicht, dass dort nicht auch alles Mög­li­che her­bei­zi­tiert wür­de, aber das wird eben auch als pene­tran­tes Her­bei­zi­tie­re sicht­bar. Das kann zwar auch ner­vig sein, nur wirkt 10:04 in die­sem selt­sam nai­ven Rest­glau­ben an authen­ti­sche Erfah­run­gen im Poe­ti­schen (bei dem es sich, glau­be ich, im Grun­de um den krampf­haf­ten Wil­len zur Auf­recht­erhal­tung eines über­kom­me­nen Habi­tus han­delt, des­sen Lächer­lich­keit doch allen Betei­lig­ten klar sein müss­te) im Ver­gleich gera­de­zu reak­tio­när. (Kit­schig sowie­so. In die­ser Hin­sicht ist er Nether­land sicher­lich näher als Satin Island.)
Ich habe die bei­den Roma­ne ja durch­aus zusam­men­ge­le­sen. Gleich am Anfang von Satin Island gibt es doch die­sen Rück­ver­weis auf Rema­in­der, wenn als Grund für die Ver­zö­ge­run­gen am Flug­ha­fen ange­ge­ben wird, dass ein Pri­vat­flug­zeug über Süd­eng­land „in idio­syn­cra­tic pat­terns“ fliegt und dadurch den Flug­ver­kehr über einem gro­ßen Teil Euro­pas blo­ckiert.
Ich bin in die­ser Per­spek­ti­ve aber sicher­lich auch durch einen Essay von Zadie Smith beein­flusst, den sie vor eini­gen Jah­ren in der New York Review of Books ver­öf­fent­licht hat. (Wenn ich mich übri­gens rich­tig erin­ne­re, hat Jan auf die­sen Zusam­men­hang in sei­ner Ein­füh­rung zum Work­shop kurz Bezug genom­men, da wur­den auch noch ein oder zwei Din­ge zu gesagt, im Bericht taucht das komi­scher Wei­se gar nicht mehr auf.) Smith ver­gleicht Rema­in­der dort mit dem Roman Nether­land von Joseph O’Neill bzw. stellt sie bei­de als Alter­na­ti­ven des Romans (mit gro­ßem R) im frü­hen 21. Jahr­hun­dert gegen­über. Nether­land klas­siert Smith dabei als Pro­to­ty­pen eines, wie sie es nennt, ‚lyri­cal rea­lism‘, der sich in der eng­lisch­spra­chi­gen Erzähl­li­te­ra­tur zu einem domi­nan­ten (von ihr mit Pole­mik beleg­ten) Modell ent­wi­ckelt habe. Rema­in­der dage­gen sieht sie in der Tra­di­ti­on einer ‚Avant­gar­de‘, die den Roman als lite­ra­ri­sche Form durch sei­ne radi­ka­le Infra­ge­stel­lung erneue­re. Sie macht das zum einen an der Aus­trei­bung der Psy­cho­lo­gie aus dem Prot­ago­nis­ten fest. Zum ande­ren beob­ach­tet sie, dass Nether­land sei­nem Prot­ago­nis­ten per­ma­nent irgend­wel­che Epi­pha­ni­en erfah­ren las­se, was Rema­in­der im Gegen­zug kom­plett ver­wei­ge­re. Inter­es­sant ist nun, dass die Hand­lung von Nether­land zu gro­ßen Tei­len auf Sta­ten Island statt­fin­det, der Stadt­teil von New York, auf den auch Satin Island anspielt. Nun endet Nether­land auch noch mit einer Epi­pha­nie, näm­lich damit, dass der Erzäh­ler und Prot­ago­nist mit sei­ner Frau und sei­nem Sohn in Lon­don im Son­nen­un­ter­gang Rie­sen­rad fährt. Dabei erin­nert er sich plötz­lich an einen ande­ren Son­nen­un­ter­gang, den er mit sei­ner Mut­ter in New York erlebt hat: „We were sai­ling on the Sta­ten Island Fer­ry on a Sep­tem­ber day’s end.“ Die­ser Son­nen­un­ter­gang wird dann beschrie­ben, ist klar, bis er sich – so schlimm ist die­ses Buch –  dar­an erin­nert, wie sein Blick den­je­ni­gen sei­ner Mut­ter traf, die ihn anlä­chel­te und dann, zack, mit den Gedan­ken zurück in Lon­don:
„Which is how I come to face my fami­ly with the same smi­le.
‚Look!‘ Jake is say­ing, poin­ting wild­ly. ‚See, Dad­dy?‘
I see, I tell him, loo­king from him to Rachel and again to him. Then I turn to look for what it is we’re sup­po­sed to be see­ing.“
ENDE DES ROMANS. Wenn man nun das Ende von Satin Island liest, wird klar, dass sowohl Nether­land als auch der Essay von Zadie Smith als Inter­text die­nen. U. steht am Ran­de von Man­hat­ten und ent­schei­det sich dage­gen, die Fäh­re nach Sta­ten Island zu neh­men: „To go to Sta­ten Island—actual­ly go there—would have been pro­found­ly mea­ningless. […] Not to go the­re was, of cour­se, pro­found­ly mea­ningless as well.“ Das spielt zwar auch alles im Son­nen­un­ter­gang, eine Epi­pha­nie ist hier aber nicht in Sicht (nur tran­szen­den­ta­le Obdach­lo­sig­keit). Und von da aus tritt U. dann sei­nen Rück­weg in die Stadt an. Ich muss schon sagen, dass mir die­se Form der inter­tex­tu­el­len Bezü­ge in Satin Island dann doch gro­ßen Spaß gemacht haben. Wie sich alles mög­li­che andeu­tet und dann doch nicht unbe­dingt rea­li­siert, zumin­dest nicht so, wie gedacht. (Wobei es zu der Fra­ge des Son­nen­un­ter­gangs noch eini­ges zu sagen gäbe, und zwar in Bezug auf Clau­de Lévi-Strauss, der in Satin Island ja auch die gan­ze Zeit zitiert wird und der es sich in Tris­tes Tro­pi­ques zur Auf­ga­be macht, einen Son­nen­un­ter­gang (oder war es ein Auf­gang?) so genau wie mög­lich zu beschrei­ben und das dann auch über Sei­ten hin­weg macht. Das führt jetzt aber zu weit.)
Ich fand Satin Island ein­fach irre wit­zig. Bestimmt auch, weil ich mich selbst und das Milieu, in dem ich mich bewe­ge, dar­in wie­der­erkannt habe. Dar­aus wür­de ich dem Text aber kei­nen Vor­wurf machen, denn Zeit­ge­nos­sen­schaft, „rec­ent­ness“ (des­halb heißt es ja ‚novel‘ im Sin­ne von Neu­ig­keit) gehört doch ganz wesent­lich zum moder­nen Roman, fin­det ihr nicht? Der Text ist auch for­mal wahn­sin­nig inter­es­sant. Das kam in dem Bericht gut zur Spra­che, wie die ein­zel­nen Hand­lungs­bö­gen und Moti­ve Bezug auf­ein­an­der neh­men, wie der Text Erfah­run­gen ver­dich­tet und auf­schich­tet. Super!
Trotz­dem fand ich Rema­in­der bes­ser. Der Text ist for­mal weni­ger expe­ri­men­tell, also hin­sicht­lich der Roman­form (mir fällt kein bes­se­res Wort ein!) klas­si­scher. Das hat mir aber gera­de gut gefal­len, weil das Inno­va­ti­ve des Romans dadurch kom­plett von der Haupt­fi­gur aus­ging. Satin Island ist so poly­morph, wäh­rend Rema­in­der als Text sehr zen­triert ist, eben auf den Prot­ago­nis­ten. Des­sen völ­li­ge sub­jek­ti­ve Lee­re gibt dem Roman näm­lich sämt­li­che for­ma­len Inno­va­tio­nen vor, sodass der Text ins­ge­samt abge­run­de­ter ist, lite­ra­ri­scher und trotz­dem reich­lich selt­sam.
Neu­lich habe ich zum Bei­spiel einer Freun­din von Rema­in­der erzählt und sie frag­te mich, wie es denn sein kann, dass der Prot­ago­nist nie jeman­dem erklä­ren muss, wes­halb er die sehr auf­wen­di­gen und zuneh­mend mora­lisch frag­wür­di­gen Hand­lun­gen re-enac­ten lässt. Sie woll­te dar­auf hin­aus, dass der Prot­ago­nist doch sicher an irgend­ei­nem Punkt sei­ne Hand­lun­gen ande­ren Figu­ren gegen­über erklä­ren muss und dabei inner­li­che Moti­va­tio­nen wür­de benen­nen müs­sen, die ihn letzt­end­lich doch als Sub­jekt authen­ti­fi­zie­ren wür­den. Aber genau dazu kommt es in Rema­in­der (fast) nie. Denn die Kom­mu­ni­ka­ti­on zwi­schen den Figu­ren fin­det nicht über das Medi­um Sinn (sei­ne Hand­lun­gen moti­vie­ren, fina­li­sie­ren, auf Ursprün­ge bezie­hen, etc.) statt, son­dern über das Medi­um Geld. Die Begriffs­prä­gung von Luh­mann ist für die­se Beob­ach­tung echt brauch­bar! Denn die Inter­ak­ti­on zwi­schen Han­deln­den kann mit­tels Geld min­des­tens genau­so effek­tiv gesteu­ert wer­den wie mit­tels Sinn. Des­halb war es für den Roman nicht nur gut erfun­den, son­dern auch for­mal wirk­lich ein­drucks­voll, dass der Prot­ago­nist eine Unmen­ge an sett­le­ment money zur Ver­fü­gung hat­te, nach­dem ein her­ab­ge­fal­le­nes Ding sein Gedächt­nis aus­ge­löscht hat­te. (Der Titel der deut­schen Über­set­zung (8½ Mil­lio­nen) spielt dar­auf an und ist des­halb gar nicht schlecht gewählt.)
Satin Island ist bestimmt nicht Tom McCar­thys bes­tes Buch. Ich kann dei­ne Fun­da­men­tal­kri­tik, Felix, aber nicht tei­len. Ich fin­de es über­haupt schwie­rig, den Text von der Fra­ge her zu beur­tei­len, ob es sich um eine Par­odie han­deln soll. So eine Beur­tei­lung fällt doch bloß in Fra­gen der Autor-Inten­ti­on zurück. Oder ist ein Text bereits hin­rei­chend als Par­odie-auf zu lesen, wenn, wie hier, so kla­re Inter­text­be­zü­ge und Habi­tus­for­men den Text prä­gen? Du hast dar­über bestimmt ein­ge­hen­der nach­ge­dacht als ich, aber ein „methodologische[s] Defi­zit“ scheint mir ehr­lich gesagt auch dei­ne Kri­tik zu bedro­hen.
Der Bericht hat eini­ge inter­es­san­te Per­spek­ti­ven auf den Text eröff­net, die mich auf­rich­tig über­rascht haben. Ich befürch­te des­halb, dass man die­sen Roman mit einer der­art groß ange­leg­ten Exege­se durch­aus über­las­tet. Ich hielt Satin Island bis­her im Wesent­li­chen für eine Par­odie, geschrie­ben von einem Geis­tes­wis­sen­schaft­ler für Geis­tes­wis­sen­schaft­ler. Der Text appel­liert doch in jeder Hin­sicht an das schlech­te Gewis­sen sub­ven­tio­nier­ter Uni­ver­si­täts­feuil­le­to­nis­ten: Dem Pro­duk­ti­vi­täts­de­fi­zit des Prot­ago­nis­ten, einem Eth­no­lo­gen (!), wird dadurch geschmei­chelt, dass er eine gut bezahl­te Stel­lung in der frei­en Wirt­schaft ein­nimmt. Das metho­do­lo­gi­sche Defi­zit des Prot­ago­nis­ten – ich wie­der­ho­le, es han­delt sich um einen Eth­no­lo­gen (!) – wird durch die Groß­spu­rig­keit sei­nes For­schungs­auf­tra­ges kom­pen­siert, einen „Gre­at Report“ über die Kul­tur der Gegen­wart zu ver­fas­sen. Dabei wird dort auch noch allent­hal­ben ‚Theo­rie‘ anzi­tiert, auf einem Niveau, dass auch wirk­lich jeder Bache­lor-Stu­dent mit­kommt. Eine ernst­zu­neh­men­de Aus­ein­an­der­set­zung ist das nicht. Wirk­lich nicht. Gera­de wenn man selbst red­lich zu for­schen bemüht ist, kann man dar­über doch nur lachen. Und das Bes­te, was ich über Satin Island zu sagen habe, ist, dass man dar­über auch lachen soll. Dar­um geht es in dem Buch.
Den „Rat­ten­mann“ ken­ne ich nicht (Zum Glück? Klingt schreck­lich!), über letz­te­res muss ich noch nach­den­ken. Eine ande­re Fra­ge: habt ihr schon gese­hen, dass der Bericht zum Satin Island-Work­shop online ist?
Nein, du kennst den „Rat­ten­mann“ nicht? Oder nein, Selbst­ge­nuss ist kei­ne Form von ethi­scher Wahr­heit?
Kennst du Freuds „Rat­ten­mann“? Selbst­ge­nuss ist übri­gens eine Form von ethi­scher Wahr­heit.
Mir fällt dazu gera­de nur eine Anek­do­te ein: Ich habe mir ein­mal einen Vor­trag im Tier­ana­to­mi­schen Thea­ter auf dem Cam­pus der Cha­rité ange­hört, es sprach ein Mit­ar­bei­ter vom Insti­tut für Phy­sio­lo­gie. Nach der all­ge­mei­nen Ein­füh­rung schritt der Refe­rent zu einem Bei­spiel aus dem zwei­ten Semes­ter des Medi­zin­stu­di­ums über und ich ver­stand kein Wort mehr: Sauer­stoff­par­ti­al­druck, Huma­ne Umbi­li­kal­ve­nen-Endo­thel­zel­len, Expres­si­on von Kon­nexon Cx40, Här­ma­to­krit, Ery­thro­zy­ten­pro­duk­ti­on, vasku­lä­re Signal­wei­ter­lei­tung, Per­fu­si­on, Dis­tri­bu­ti­on, Kon­duk­ti­on, usw. usf. Habe mich präch­tig amü­siert. Das alles hat­te irgend­et­was mit der Fähig­keit zur Auf­nah­me von Sauer­stoff zu tun. Beson­ders gefreut hat mich aber der Satz: „Sie wun­dern sich, dass die Zah­len hier ganz ande­re sind. Das liegt dar­an, dass wir hier in die Rat­te gegan­gen sind. Wir haben das Modell also auf die Rat­te ange­passt.“ — Ich glau­be übri­gens, dass es in der Aus­ein­an­der­set­zung mit Theo­rie um mehr gehen soll­te als Selbst­ge­nuss, näm­lich – excu­se my pathos – um Wahr­heit.
Ist das nicht der Pro­zess, den fast jeder im Ver­lauf des Stu­di­ums durch­läuft? Im ers­ten Semes­ter ist alles noch neu und fremd und die gan­ze Fach­ter­mi­no­lo­gie, die da auf einen nie­der­pras­selt, fühlt sich wie eine Ver­hei­ßung auf einen unge­ahn­ten Wis­sens­schatz an. Ab dem zwei­ten Semes­ter kom­men einem die ers­ten Din­ge ver­traut vor und man bekommt lang­sam ein Bewusst­sein für die Kraft, die in der Aus­ein­an­der­set­zung mit Theo­rie liegt. Mir ging es zumin­dest so, dass ich für eine lan­ge Zeit mit jedem neu­en Theo­rem das Gefühl hat­te, ganz neue Erfah­rungs­wel­ten auf­zu­schlie­ßen. Dar­aus kann durch­aus ein Gefühl der Über­le­gen­heit ent­ste­hen. Aber dann lässt das nach. Irgend­wann merkt man näm­lich, dass man ein gan­zes Stück weit zum Fach­idio­ten gewor­den ist und emp­fin­det die Theo­rie gar nicht mehr als Berei­che­rung, son­dern als Limi­tie­rung der Sicht­wei­se auf die Welt, fühlt sich dadurch abge­schnit­ten vom Leben, den gan­zen Erfah­run­gen, die man machen könn­te, wür­de man die Nase nicht den gan­zen lie­ben Tag lang in Bücher ste­cken usw. usf. Wenn man Pech hat wird man dann trau­rig und traut sich am Ende gar nicht mehr, das Stu­di­um tat­säch­lich abzu­schlie­ßen, aus Angst vor dem, was danach kommt. Dabei soll­te die genui­ne Erfah­rung, die aus jeder Aus­ein­an­der­set­zung mit Theo­rie, mit Kunst, dem Leben oder mit was auch immer her­vor­geht, doch dar­in bestehen sich selbst im Über­schrei­ten von Gren­zen als den­ken­den Men­schen zu genie­ßen. (Des­halb glau­be ich mitt­ler­wei­le, dass eine Theo­rie nur dann eine gute Theo­rie ist, wenn sie ihre eige­ne Gren­ze mit anzeigt, also das, was sich ihr ent­zieht, und wenn sie den Men­schen die Auf­ga­be erteilt, die­se Gren­ze zu über­schrei­ten. Wenn sie also in eine Rich­tung zeigt, an der die Men­schen die Theo­rie hin­ter sich las­sen müs­sen.)
Bit­te seid mir nicht böse, aber immer, wenn ich Leu­te über ihre Erfah­run­gen in der Stu­di­en­stif­tung reden höre, muss ich an den soge­nann­ten Dun­ning-Kru­ger-Effekt den­ken. Das ist ein sozi­al­psy­cho­lo­gi­sches Kon­zept, dem­zu­fol­ge Leu­te, die in einem bestimm­ten Bereich ers­te Erfol­ge ver­bu­chen konn­ten oder ers­te, gerin­ge Kennt­nis­se erlangt haben, zu beson­ders gro­ßer Selbst­über­schät­zung nei­gen. Haben Men­schen in einem bestimm­ten Bereich über­haupt kei­ne Kennt­nis­se, sind sie sich des­sen in der Regel auch bewusst. Wenn man aber ein wenig weiß, ent­steht häu­fig ein sehr ver­zerr­tes Selbst­bild. Das hängt u. a. auch damit zusam­men, dass mit den ers­ten Erfah­run­gen der eige­nen Kom­pe­tenz noch kei­ne Urteils­fä­hig­keit dar­über ent­steht, was man alles nicht kann und nicht weiß. So steigt etwa die Feh­ler­häu­fig­keit von Pilo­ten wäh­rend der ers­ten 800 Flug­stun­den an, weil sie sich zuneh­mend für Flie­geras­se hal­ten. Erst danach bil­det sich wie­der Bewusst­sein für die Gren­zen der eige­nen Fähig­kei­ten. Das glei­che konn­te hin­sicht­lich einer bestimm­ten, sehr kom­pli­zier­ten Wir­bel­säu­len­ope­ra­ti­on beob­ach­tet wer­den, bei der Chir­ur­gen zwi­schen dem 16. und 20. Ein­griff am ehes­ten zu Kunst­feh­lern nei­gen. Eben weil sie glau­ben, sie beherrsch­ten die Ope­ra­ti­on jetzt bereits ohne beson­de­re Vor­sichts­maß­nah­men. Klingt ver­traut, nicht wahr?
Ja, das klingt ganz nach Simon. Ich kann aller­dings zu sei­ner Ver­tei­di­gung sagen, dass er wirk­lich nicht faul ist. Als wir am Ende der Woche die Grup­pen­prä­sen­ta­ti­on für den Abschluss­abend vor­be­rei­ten soll­ten und alle ande­ren sich gedrückt haben, waren wir zwei die ein­zi­gen, die noch pro­duk­tiv gear­bei­tet haben. Nun gut, genug von ihm. Ich hof­fe, ihr hat­tet alle ein gutes Oster­fest. Seid ihr nächs­tes Wochen­en­de in Ber­lin? Ich kom­me auf für zwei Näch­te vor­bei. Schla­fe bei Len­na, viel­leicht ergibt sich ja etwas.
Oh, ok, der Typ! Kei­ne ange­neh­me Erin­ne­rung. Wir waren ein­mal zusam­men auf irgend­ei­nem Kol­leg. Er hat dort ein Refe­rat gehal­ten, irgend­et­was über Ästhe­tik im 18. Jahr­hun­dert, und es dabei nicht ver­passt, alle fünf Minu­ten zu bemer­ken, wie „kom­pli­ziert“ die von ihm refe­rier­ten Theo­ri­en doch sei­en, um auch ja sei­ne eige­ne Kom­pe­tenz zu unter­strei­chen. Er hat dann auch mehr­mals nach­ge­fragt, ob wir das denn nun wirk­lich ver­stan­den hät­ten. Es wur­de im Ver­lauf der Woche viel über ihn gelacht.
Auf Face­book seid ihr befreun­det…
Dan­ke! Ich weiß aller­dings nicht, wer das sein soll.
Ach, ganz schön, aber auch ein wenig anstren­gend. Ich bin erst super spät dort ange­kom­men und habe die Ein­füh­rungs­ver­an­stal­tung ver­passt. Immer­hin hat­ten die in der Küche etwas zu Essen für mich auf­be­wahrt, sonst wäre ich gestor­ben. Das Semi­nar war nicht schlecht („Kri­tik der Gewalt – Wal­ter Ben­ja­min und Judith But­ler“), auch wenn die übli­chen Schwät­zer und Poseu­re dabei waren. Abends konn­te man ganz gut am Was­ser sit­zen und Dosen­bier vom Kiosk trin­ken (zu Knei­pen­prei­sen, egal). Simon Lill war übri­gens auch da, Alex, er hat mir erzählt, dass ihr euch von irgend­ei­ner Ver­an­stal­tung kennt, er wuss­te aber auch nicht mehr genau, von wel­cher. Soll schön grü­ßen!
Bist du schon von der Aka­de­mie zurück?
Dann neh­me ich eben das Grün. Erin­nert mich an mei­ne alte Bar­bour-Jacke.
Ne, ich blei­be doch blie­ber beim Grau.
Schau mal unter User -› Set­tings -› Colors, da kannst du dir eine eige­ne Far­be ein­stel­len.
Kann ich die Hin­ter­grund­far­be mei­ner Bei­trä­ge selbst ein­stel­len oder bleibt die so?
OK Leu­te, wir haben das neue Messa­ge Board jetzt ein­ge­rich­tet. Pro­biert es ein­fach mal aus.